Melt! Festival 2007

Schmelzt! Vor Entzückung, Musikbegeisterung und natürlich in der brütenden Sommersonne. Mit circa 30°C im Schatten machte die zehnte Edition des Melt! zumindest tagsüber dem Namen alle Ehre. Nachmittags waren blauer Himmel und Sonnenbrillen angesagt, nachts Sternegucken und Diskokugeln. Bei den über 80 Acts mit hoher Lieblingsband-Quote waren Überschneidungen an der Tagesordnung, I’m From Barcelona spielten Seite an Seite mit The Dance Inc., die Presets zeitgleich mit Simian Mobile Disco und wer Hot Chip sehen wollte, musste unweigerlich auf Lo-Fi-Fnk verzichten. Aber so etwas nimmt man gerne in Kauf, es geht schließlich um das wohl beeindruckendste Festival, das dieses Land zu bieten hat. Wie sich so ein Sonnenaufgang in Ferropolis nach durchtanzter Nacht wohl anfühlt wollten wir wissen und stürzten uns ins bunte Treiben.

Freitag, 13.07.2007

Wer es im allgemeinen Anreisestress noch nicht um sechs (oder gar um drei Uhr Nachmittags zum DJ-Set von Markus Kavka) aufs Festivalgelände geschafft hatte, begann seinen Abend ein wenig später, beispielsweise um zwanzig vor acht auf der kleineren Gemini Stage. Final Fantasy alias Owen Pallet ist gerade einmal Ende 20, ausgebildeter Violinist und hat schon Soundtracks, Opern und natürlich zwei Alben komponiert. Als temporäres Mitglied von The Arcade Fire bezaubert der Peter Pan der jungen Generation genauso wie solo – orchestraler Sound, beeindruckendes Stimmvolumen und dazu Folien auf dem Overheadprojektor, die leider im Hellen ein wenig an Wirkung verloren.

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Um Jamie T von Anfang an erleben zu können, musste man zwar auf einige Minuten Final Fantasy verzichten, bekam dafür aber auch auf der Nokia-Mainstage vorzügliche Sommerunterhaltung geboten. Denn was Festivalauftritte und Liveshows angeht, sind Jamie und die Pacemakers, wie sich seine Liveband nennt, mittlerweile Profis und ein eingespieltes Team. Als besondere Leckerbissen gab es zu den Hits wie “Sheila” oder “If You Got The Money” die B-Seiten “Northern Line” und “Down To The Subway” noch obendrauf und nach der kleinen Deutschlandtour im März sowie zahlreichen Supportauftritten für die Beatsteaks, zeigte sich das Publikum erstaunlich textsicher, begeistert und in ausgelassener Feierlaune.

Während die Sonne langsam am Horizont des Gremminer Sees unterging, lauschte das mittlerweile sehr zahlreich erschienene Publikum Kettcar aus Hamburg, mit ihrer Musik so schön wie melancholisch und voller Höhen und Tiefen, wie das nun mal so ist im Leben. Die Band um Grand Hotel Van Cleef Chefs Markus Wiebusch und Reimer Burstoff fügten sich als einer der wenigen deutschsprachigen Acts perfekt in dass Lineup ein. “Manche sagen es wär einfach, ich sage es ist schwer, denn du, ja du bist Audrey Hepburn und ich Balu der Bär” hieß es in der Zugabe “Balu”

Wieder zurück auf der Gemini Stage bekam man erstmals den elektronischen Charakter des Festivals zu spüren. Ladytron sind mit dem Ohrwurm “Seventeen” wohl jedem ein Begriff, auf der Bühne bewiesen sie schließlich, dass auch in den anderen Songs nicht minder Potential steckt und überzeugten vor allem mit Livemusik statt Samples vom Band und sehr attraktiver Frauenpower.

Weiter mit starker Frauenpower ging es auch gleich im Coca Cola Soundwave Tent. Lady Sovereign wird als der neue Hip-Hop-Grime-Star aus Großbritannien gehandelt, ihre Markenzeichen: der seitliche Zopf, ausgefallene Sonnenbrillen, bunte Slogan-T-Shirts, weiblicher Charme und ein loses Mundwerk. Zusammen mit einer Liveband bestehend aus Bassisten, Drummer und DJ heizte sie dem vollen Zelt gehörig ein und schien selber überwältigt von der durch und durch positiven Resonanz. Hip Hop hat wieder eine Zukunft, fernab von Sido oder Aggro Berlin und außerdem eine klare Message: Fling on an Adidas hoodie and just boogie woogie with me! Ganz großes Kino.

The Thermals aus Portland, Oregon, übernahmen die Bühne und nutzten ihre 60 Minuten Spielzeit bis auf die letzte Sekunde aus. Unterstützt wurden sie dabei von vielen begeisterten Fans, die jedes Wort mitsangen, sowie dem Rest des gefüllten Zelts, der gefesselt von der enormen Energie der Liveshow und Songs wie “No Culture Icons” das Zelt wohl sichtlich beeindruckt verließ.

Während sich das Coca Cola Zelt auf Alec Empire vorbereitete, tobten auf den Bühnen die Massen zu Tiefschwarz, Maurice Fulton oder Dendemann, der auf der Mainstage performte. “Ich schwimmte, schwamm und schwomm, endlich bin ich angekommen” heißt es auf der Single “Endlich Nichtschwimmer” – und irgendwann war auch der letzte Nichtschwimmer auf dem Campingplatz angekommen, denn wer schlafen wollte, tat dies am besten bevor die Sonne das Zelt auf gefühlte 100 Grad aufheizte – oder gar nicht.

Samstag, 14.07.2007

Virginia Jetzt! waren um viertel nach fünf der zweite Act des Tages, hatten ein wenig Pech mit den Publikum und spielten vor gerade einmal 50 Leuten. Doch trotz allem schaffte die Band um Sänger Nino eine für ein Festival erstaunlich intime Atmosphäre, untermalte den Hit “Ein ganzer Sommer” (sehr passend in der Nachmittagssonne) mit “Uiii!”-Rufen und Choreographie des Publikums und teilte Festivalimpressionen. “Wer hat noch nicht geschlafen? Wer hat gestern chemische Substanzen zu sich genommen? Und, ach ja, wer war der Idiot, der mich gestern bei DJ Koze angerempelt hat?” Fragen über Frage, ein paar Mutige meldeten sich sogar.

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Deutlich voller wurde es bei den Shout Out Louds aus Schweden, die mit Indiepop-Charme und Tamburin Songs vom neuen Album “Our Ill Wills”, sowie dem Vorgänger “Howl Howl Gaff Gaff” zum Besten gaben. Zu dieser Band tanzt man nicht als hätte man gerade zwei Extasy-Pillen verschlungen, sondern wippt hin und her, singt mit und möchte auf der Stelle die Welt zu einem besseren Ort machen, wenn Sänger Adam den ergreifenden Refrain von “Please Please Please” ins Mikrofon schmettert.

The Rifles gehören zu einer Welle britischer Bands, die es geschafft haben, sich in den hiesigen Clubs und auf den großen Festivals als solider Liveact zu etablieren. Schon letztes Jahr spielten sie auf dem sonnigen Feld des Haldern Pop Festivals und auch auf dem Betonplatz vor der Mainstage funktioniert das Konzept aus eingängigen Songs und The-Jam-Charme. “Wie immer!” denkt sich ein jeder, der die Band schon mal live erleben durfte. So auch ein junger Herr in der vierten Reihe, der in jeder Pause mit “You’re the best! Best of the festival!”-Rufen zum allgemeinen Amüsement beitrug.

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Nach all dem Rock wurde es im Lineup zu späterer Stunde wieder Zeit für elektronische Klänge. Allen, die sich entschlossen hatten, die Schweden Lo-Fi-Fnk zu verpassen, boten Hot Chip eine geniale Show mit NZ-NZ-NZ-Klängen, produziert von fünf Männern, die optisch das genaue Gegenteil der modernen Rave-Bewegung abgeben. “So liebenswert und sexy wie das Klassentreffen der Fachrichtung Java-Applikationen” beschreibt das Festival seine Schützlinge – insgeheim stehen wir doch alle auf Nerds und die machen manchmal einfach die bessere Musik. Bei “Over And Over” tanzte das Publikum von der ersten Reihe bis hin zu den Ränge und der Treppe.

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Betört von der Energie zog man weiter zu Goose, den neuen Helden der elektronischen Musik. Dabei kommen sie weder aus London, noch aus Paris, sondern aus Kortrijk in Belgien und begannen ihre Karriere absurderweise als AC/DC-Coverband. Heute ist davon lediglich die Verbundenheit zu Gitarre, Bass und Schlagzeug übriggeblieben – vermischt mit kraftvollen Synthesizern und einer klaren Frontstimme entstand daraus schließlich das Debutalbum “Bring It On”. Auch live war ein Song eingängiger und tanzbarer als der andere und von der Stroboskop-Lightshow in Extase versetzt tanzte man die Stunde durch und fand sich schließlich vor der Gemini-Stage wieder, mit dem seltsamen Verlangen nach “mehr” im Bauch.

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Dieses “mehr” war leicht zu finden, allerdings in etwas anderer Gestalt. Auf der Mainstage waren Tocotronic in vollem Gange, mit Leinwand, Videoprojektionen, Lichtshow und erstaunlich viel Liveenergie. Selbst wer den Anfang verpasst hatte, kam voll auf seine Kosten, unter anderem mit “Jackpot”, “Mein Prinz”, “Sag alles ab” und “Imitationen” vom neuen Album “Kapitulation” oder Klassikern wie “Hi Freaks” und “Freiburg”. “Wenn in unserer Gesellschaft so etwas wie Liebe existieren könnte, wir würden euch lieben!” verabschiedete sich Bassist Jan Müller vom Publikum, das sich in dem Moment wahrscheinlich gar nicht über den Wert dieses Kompliments bewusst war.

Die Bühne unterzog sich einer erneuten Umbaupause und mit Spannung wurde der Auftritt von Black Rebel Motorcycle Club erwartet. Der einzige Festivalauftritt auf deutschem Boden und das von einer der letzten modernen Rock’n'Roll-Bands, die gerade erst ihr neues Album auf den Markt gebracht hat. Dafür war es fast schon erstaunlich leer vor der Bühne – anscheinend hielt ein Großteil der Besucher Mouse On Mars, Polarkreis 18 und Michael Mayer für spannender oder war zum Zeltplatz zurückgekehrt, um vor dem Deichkind-Auftritt am frühen Morgen noch ein wenig Schlaf zu finden. Wie dem auch sei, in der kühlen Abendluft, vermischt mit dünnem Bühnennebel wirkte das 13 Songs starke Set durchaus imposant und die Band trotz alter Rock-Manier glaubhaft cool und souverän.

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Mit Rock’n'Roll-Attitüde ging es auch im Coca Cola Soundwave Zelt weiter, allerdings in anderer Hinsicht. Seit sie den Titel des NME zierten und die Londoner Indiekids fasziniert von den Shows voller schwarzer Theaterschminke, toupierten Haaren und Polkadots zurückkamen, war es klar: Die Horrors sind das Next Big Thing. Ihre Shows gelten als faszinierend und intensiv und Sänger Faris Rotter, der sein Musikerdasein selbst als Londoner Indiekid begann, ist bekannt für sein exzentrisches Auftreten, röhrenden Gesang zu Orgelklängen und eine Performance fast wie in Trance. Diesmal musste die Stahlkonstruktion an der Coca Cola Bar dran glauben, die er kurzerhand erklomm, bevor er eine Runde vor dem Zelt drehte und schließlich auf die Bühne zurückkehrte, wo er zuvor seine pyromanische Ader ausgelebt hatte. Nach 20 Minuten war alles vorbei, zur Freude der Securities und derer, die bei der künstlich wirkenden Show eine gewisse Authentizität vermisst haben.

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Wer sich nun frohen Mutes auf den Weg zur Big Wheel Stage machte um sich die Senkrechtstarter Digitalism anzugucken, musste mit Entsetzen feststellen, dass dort absolut kein Durchkommen mehr war. Zu stark der Ansturm der Menschen, die wohl wieder zum Tanzen aus ihren Zelten gekrochen waren. Somit blieb nur Shitdisco im Coca Cola Soundwave Tent. Keine schlechte Alternative, denn wer seine Karriere mit illegalen und hingebungsvollen Privatkonzerten und Raves begann, kann weder langweilig sein, noch schlecht. Die Show allerdings hatte weniger von einer Hinterhaus-Party, dafür deutlich mehr New-Rave-Glam, bunte Lichter und Stimmungsmacher wie “Reactor Party” oder “Kung Fu”.

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In die Liga der neuen Elektro-Clubhits kann sich ebenfalls “Are You The One” von den Presets einreihen. Ebendiese beendeten den Abend im Coca Cola Tent, während Simian Mobile Disco die immer noch überfüllte Big Wheel Stage rockten. Wer hier ebenfalls ein paar Ravekids auf der Bühne erwartet hatte, der lag falsch: Stattdessen betraten zwei komische Vögel die Bühne, einer am Schlagzeug, der andere singend an den Keyboards und Synthesizern. Binnen Minuten hatte die Energie die letzte Ecke des Zeltes erreicht und wer zur späten Stunde immer noch Kraft in den Beinen hatte, konnte hier seine letzten Reserven verpowern. Beim Tanzen verpasste man sogar glatt das Feuerwerk, exklusiv von Jan Delay anmoderiert, der kein gutes Haar an der Pyrotechnikveranstaltung ließ.

Wer die Umbaupause auf der Mainstage durchhielt, die eine gefühlte Ewigkeit andauerte, der erlebte Remmidemmi mit Deichkind und Kindergeburtstagsfeeling bis in die frühen Morgenstunden. Alternativ musste man auch beim Melt! nicht auf die heimische Indieparty verzichten, die King Kong Club DJs legten im Coca Cola Zelt auf, parallel zu den Cereal Killers, Hell, Popnebo und Hirschfluss.

Fazit: Ein würdiges zehntes Jubiläum eines Festivals, das seinesgleichen sucht. Wir freuen uns aufs nächste Mal, wenn die City Of Steel wieder ihre Pforten für 15.000 Musikfans öffnet, Scheinwerfer den Sternenhimmel erleuchten und Electrofreaks zusammen mit Hiphoppern und Rockfans eine große Party feiern.

Text: Ines Montani
Fotos: Franziska Reichwein



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