Melt! Festival 2008
Es war extatisch, es war chaotisch, es war das Melt! Festival 2008. Wenn sich vor einem der See erstreckt und die Silhouetten der Bagger am Horizont auftauchen, wenn aus der Ferne Musik erklingt und einen bunten Farben empfangen, dann weiß man: Ferropolis hat uns wieder! Auch dieses Jahr protzte das Lineup mit zahlreichen Acts von A bis Z - von Adam Green bis Zoot Woman. Und bei bei allem Regen und trotz Überfüllung und Pannen bleibt das Festival etwas ganz Besonderes. Wir waren live dabei, als Björk ihr einziges Deutschlandkonzert gab und erlebten Menschen, Tiere und Sensationen.
Freitag, 18.07.2008
“Afterhour vor der Hour, weitergemacht.”
Freitagnachmittag in Ferropolis. Das vorzügliche Sonnenbrillenwetter konnte lediglich das Warten an den Bänchenausgaben trüben, die vollen Shuttlebusse zum Campingplatz oder das Suchen nach einem geeigneten Ort zum Aufstellen des Zelts. Die Wettervorhersage hatte zwar nichts Gutes prophezeit, doch die Zuversicht stand den Besuchern ins Gesicht geschrieben, als sie frisch und wach ihre ersten Schritte aufs Festivalgelände wagten, um Fotos, Lightspeed Champion oder Dúné zu sehen.
Late Of The Pier begannen stürmisch und schnell kannte das Publikum dann kein Halten mehr: wie ein gigantisches Trampolin von damals aus dem Sportunterricht federte der Holzboden der kleinen Gemini Stage die Energie zurück - Stillstehen unmöglich. Und unnötig, denn gleich der erste Song war “Space And The Woods”, eine Hymne für alle Indiekids, die in den hippen Electroclubs der Stadt tanzen gehen und sich nur trüb an die fröhlichen Synthie-Sounds der Neunziger erinnern.
Bei den kleinen Zeitverzögerungen gelang es sogar noch, einen kurzen Blick auf die Blood Red Shoes zu erhaschen, die als Duo auf der großen Hauptbühne fast schon ein wenig verloren wirkten. Gitarristin Laura-Mary und Drummer Steven trennte ein beachtlicher Abstand voneinander, doch sie erwiesen sich als durchaus festivalerprobt. Immerhin hatten sie es aus den kleinen Clubs bis auf die großen Bühnen geschafft - dank Garagerock mit lediglich zwei Instrumenten, viel Energie und Mund-zu-Mund-Propaganda.
Ähnlich geschehen auch mit der nächsten Gemini-Stage-Band, The Teenagers aus Paris, die im Zuge des Hypes schnell nach London übergesiedelte sind. Mit schmutzigem Highschool-Charme erzählen sie aus der Welt der MySpace-Freundesanfragen, Broadway-Sternchen und wilden Parties. Ihre Message verpacken sie in Synthesizer-Sound und Sprechgesang: “We’re playing our songs and you’re dancing along - you’re feeling better!”
Fast zeitgleich spielte Adam Green und der New Yorker zeigte sich exzentrisch wie immer im Cowboy-meets-Indianer-Look und Fransen-Shirt. Begleitet von zwei entzückenden Backgroundsängerinnen eröffnete er mit “Carolina” und dem “Festival Song”, wirbelte über die Bühne und sang sich mit verschmitztem Schwiegersohnlächeln in die Herzen derer, die im Regen ausharrten.
23 Uhr, Main Stage. Seit über einer halben Stunde wartete man hier nun schon auf Kate Nash, die wegen eines technischen Problems noch spielen durfte. Es sei keinesfalls die Schuld der jungen Britin, ließ eine Durchsage verlauten und die Warterei setzte sich fort. Wer im Regen ausharrte, bekam schließlich doch noch eine schleppende Performance geboten, alle anderen hatten sich bereits auf den Weg gemacht, einen möglichst guten Platz im Melt! Klub zu ergattern. Das Lagerhallen-Gebäude neben dem Sleepless Floor durfte an diesem Tag schon Acts wie Ladyhawke und The (International) Noise Conspiracy begrüßen und wurde nun zur Pilgerstätte für Neugierige und Fans von Does It Offend You, Yeah?.
Die Live-Performance der Band lebt nicht zuletzt vom Charme von Sänger und Gitarrist Morgan gepaart mit treibendem Electropunk, verzerrten Vocals und Textzeilen wie “Let’s make out!”. Der letzte Song “We Are Rockstars” forderte noch einmal alle Kraftreserven und als unter vehementen “Zugabe!”-Rufen das Licht wieder anging, sah man im Publikum verschwitzte Gesichter hinter bunten Wayfarer-Sonnenbrillen, Glowsticks und zerzauste Haare zu T-Shirts, auf denen in Neonfarben das Logo der Band prangte.
Das tröstete einen sogar ein klein wenig über den spontanen und unkommentierten Ausfall von Hercules And Love Affair hinweg. Oder gar über den schmerzlichen, frühzeitigen Abschied von Why? im Melt! Klub Gebäude, um noch rechtzeitig zu den Editors an der Main Stage sein zu können. Doch die britische Band um Frontman Tom Smith, der sich nach Sonnenuntergang lässig im Kapuzenpulli zeigte, enttäuschte nicht.
Der erste Tag war also geschafft, die Klamotten durchnässt und der Himmel hellte sich schon langsam auf, als der neue Festivalliebling Alexander Marcus mit “Ciao Ciao Bella”, der den Melt! Klub zum Überlaufen brachte.
Samstag, 19.07.2008
“Du warst gestern auch schon da.”
Manch einer hatte den Drei-Tage-wach-Plan ja bereits schon am Vortag verworfen, als er im Matsch am Bierstand vorbei watete, für einen Moment überlegte, in eins der örtlichen Hotels einzuchecken und sich schließlich doch mit Decke und Rotwein im Zelt verkroch. Andere hatten tapfer durchgehalten und auf dem Sleepless Floor mit dem Slogan “Menschen, Tiere, Sensationen” die Nacht zum Tage gemacht.
Der Nachmittag begann zunächst sonnig, ein paar Mutige hatten sich in den See gewagt und beim Parkplatz-Rave heizten Egotronic, Saalschutz, Frittenbude und Plemo & Rampue den nicht müde zu kriegenden Partypeople ein. Weiter ging es dann am frühen Abend auf der Main Stage mit Peter Licht und The Twisted Wheel, die als Ersatz für die Wombats eingesprungen waren.
Das erste Highlight des Tages markierten zweifelsohne Friendly Fires. Doch so schwungvoll, stürmisch und laut wie die Jungs aus St Albans, England, zeigte sich auch das Wetter. Der Regen peitschte um die kleine Gemini Stage, der Wind erreichte gefühlte Orkanstärke und bereits während des ersten Songs “Photobooth” zogen die Organisatoren die Notbremse und brachen das Konzert vorübergehend ab. Während der Sturm nun draußen seine eigene Rockshow feierte, verteilte die Band großzügig wie wahre Gentlemen Bierflaschen an das wartende Publikum und bereits nach einer knappen Viertelstunde ging es weiter. Es folgten weitere Songs des bald erscheinenden Debütalbums, darunter auch das funkige “On Board”, das bereits nach dem ersten Hören nicht mehr aus dem Ohr zu kriegen ist.
Als Nächste waren Operator Please an der Reihe und es ist kein Geheimnis, dass die Australier wohl fast jünger waren, als der Durchschnitt der Festivalbesucher. Vielleicht passten sie gerade deshalb so entzückend in die Melt!-Landschaft, weil sie gleich an die Kids mit Röhrenjeans vom Pizzastand erinnerten. Oder die jungen Berliner aus der Schlange vom Campingplatzklo. Nur waren die Fünf um Sängerin Amandah Wilkinson, die dort auf der Bühne standen quasi auf der ganzen Welt zu Hause, jetteten zwischen Europa und Australien hin und her und spielten Konzerte, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Darauf wären sicher auch die Pizzastand-Kids neidisch.
Während auf der Hauptbühne die Stereo MCs rockten und Miss Platnum dem Melt! Klub mit heißen Rhythmen einheizte, bahnte sich am anderen Ende des Gelände das erste Disaster an. Denn für viele, die anschließend The Whitest Boy Alive im Melt! Klub sehen wollten, begann die Nacht mit einer großen Enttäuschung. Die Halle war hoffnungslos überfüllt, die Schlange schier endlos und die Securities hatte nur bedingt Erfolg dabei, am Einlass für klare Verhältnisse zu sorgen. Die Wartenden versanken derweil in Pfützen und Matsch oder zwischen Bauzäunen. So kam schließlich nur ein Bruchteil der Besucher in den Genuss, die Band um Erlend Øye live auf der Bühne zu erleben.
Da half nur noch eine volle Ladung Stimmung - und wenn es um Hits am Fließband geht, sind Franz Ferdinand bekanntlich Weltmeister. Von “Take Me Out” über “Do You Want To” bis hin zu “This Fire”, es ging Schlag auf Schlag und als Alex Kapranos schließlich “You’ve been a great crowd!” ins Publikum rief, kam es einem noch immer vor, als hätten sie gerade erst angefangen. Doch immerhin gab es live auch einen kleinen Vorgeschmack auf neues Material, das - zugegeben - weder das Rad noch den Musikstil der Band neu erfindet, aber dennoch auf mehr hoffen lässt.
Langsam hatte sich auch das letzte Anzeichen des Tageslichts verkrochen, nur die Bagger strahlten im Neonlicht und auch die letzte Rockmusik wich langsam zarten und weniger zimperlichen Electroklängen. Wie denen von Mr Oizo auf der Gemini Stage. Zugegeben, an den plüschigen, gelben Flat Eric aus der Levi’s-Werbung, der headbangend im Auto durch die Straßen cruiste, erinnert nur wenig - vielmehr traf man mit dem bärtigen Mann hinter dem DJ Pult auf eine Schlüsselfigur der französischen Electroszene. Er produzierte unter anderem schon Uffie und remixt fleißig für befreundete Künstler und DJs. Auch das Melt!-Publikum zeigte sich begeistert von den Mixkünsten und dem soliden, eineinhalbstündigen DJ-Set.
Als er schließlich seine letzten Klänge anstimmte, waren auch Crookers auf dem Red Bull Music Academy Floor schon in vollem Gange. Das italienische DJ-Duo animierte allein mit donnernden Beats die Frauen zu nackten Tatsachen, während sich die Männer hingebungsvoll auf der matschigen Tanzfläche verausgabten. Das Highlight für alle Tanzwütigen war schließlich das das DJ Set von Boys Noize mit fast einstündiger Zugabe und einer begeisterten Menge, die bis zum Sonnenaufgang durchtanzte.
Sonntag, 20.07.2008
“Spieglein an der Wand, wer ist 3 Tage wach?”
Zum letzten Tag des Festivals zeigte sich noch einmal die Sonne und wer nicht schon bereits die Heimreise angetreten hatte, sollte auf der Mainstrage zum Abschluss nochmals in den Genuss von sechs erlesenen Bands kommen. Los Campesinos! nennt sich ein fröhliches Septett aus Cardiff, Wales, das das Publikum in der Nachmittagssonne mit Twee-Pop, rockigen Gitarren, Glockenspiel und britischem Akzent bezauberte. Songs wie “We Throw Parties, You Throw Knives” sind nicht nur textlich kleine Kunstwerke und harmonierten perfekt mit warmen Sonnenstrahlen, die sich in den kleinen Pfützen vom Vortag spiegelten.
Mit Spannung erwartet wurde auch Neon Neon aus Wales bzw. Amerika. Gruff Rhys, der hier auf der Bühne stand, singt sonst bei den Super Furry Animals, Bryan Hollon alias Boom Bip produziert hauptberuflich namhafte Bands und zusammen haben sie eine erstaunlich frische Synthpop-Konzeptband gegründet. Dass es bei den Songs des Albums “Stainless Style” fast nur um John De Lorean und seinen gleichnamigen, weltberühmten Sportwagen geht, nehmen ihnen selbst die Mädels nicht übel.
Der nächste Künstler, Konstantin Gropper, der live mit komplette Band auftritt und sich Get Well Soon nennt, wird gern mit Beirut und Konsorten verglichen. Schon der NME zeigte sich begeistert vom jungen Deutschen. Doch die ruhigen Klänge entfalteten ihre Wirkung fast zu gut: die eine Hälfte des Publikums, gerädert von drei Tagen wach, versuchte die schweren Lider offen zu halten und wiegten sich sanft zu den einschläfernden Tönen. Die andere nutze diese Gelegenheit, um den Schlaf der letzten durchfeierten Nacht nachzuholen. “Rest now weary head, you will get well soon!” heißt es im Intro und dazu tönen Trompete und Geige.
Während die Math-Rocker Battles in Ferropolis debütierten, war es für Hot Chip, die nerdigen, kleinen Londoner in Overalls, nun schon das dritte Mal beim Melt!. Und es schien, als hätten sie seitdem auch einiges von ihrer Energie einbüßen müssen. Denn auch wenn der abendliche Zeitpunkt den Auftritt zu einem deutlich atmosphärischeren Konzert als beim letzten Mal machte, kam gerade einmal ein Bruchteil der Stimmung auf. Tanzten 2007 zu “Over And Over” selbst die Menschen auf Treppen und Tribühnen, ging dieses Mal lediglich ein müdes Schunkeln durch die Menge. Vielleicht war es aber auch die mentale Einstimmung auf das, was an diesem Abend schon sehnsüchtig erwartet wurde.
Für Björk, die unumstrittene Headlinerin des Festivals, war sogar eigens eine Leinwand an der Seite der Bühne angebracht worden. Immerhin wurde es zur späten Stunde noch einmal richtig voll auf dem Gelände und selbst der Großteil der angemeldeten Fotografen hatte lediglich bei dieser Show nicht die Möglichkeit, aus dem Graben ein paar präzise Blicke und Schnappschüsse zu erhaschen. Die Isländerin betrat die Bühne im wahrsten Sinne mit Pauken und Trompeten, genauer gesagt auch mit Waldhörnern und Posaunen, gespielt von jungen Mädchen, die in Einheitstracht über die Bühne marschierten. Die Fernseher auf der Bühne zeigten futuristische Synthesizer-Animationen, es wehten Fahnen und die exzentrische Sängerin zeigte sich gehüllt in ein flatterndes Outfit aus Regenbogenfarben und afrikanisch anmutenden Mustern. Musikalisch sowie künstlerisch imposant und sehenswert war die Show allemal.
Wer anschließend noch Kraft zum Feiern hatte, den zog es zur Abschlussparty mit Lützenkirchen. Der Münchener DJ steuerte immerhin die offizielle Melt!-Hymne bei und diese war trotz gefährlich hohem Überdudelungsfaktor nicht vom Festival wegzudenken. Ob pille oder palle, 3 Tagen volles Programm hatten ihre Spuren hinterlassen und weckten vor allem die Sehnsuchtnoch auf eines: ein weiches, warmes und trockenes Bett.
Das nächste Melt! findet übrigens vom 17. bis 19. Juli 2009 statt.
Text: Ines Montani & Franziska Reichwein
Fotos: Franziska Reichwein




























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