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Interviews

The Indelicates im Interview

Nie wieder sechzehn
Nie wieder sechzehn

Sie sind nicht ohne Grund Art Bruts Lieblingsband: The Indelicates haben alles, was eine moderne Rockband braucht: Witz, Biss und ein Bewusstsein darüber, was gerade in der Welt passiert. Seit August haben sie endlich den lang ersehnten Plattenvertrag in der Tasche, das Album kommt im März 2008 und bis dahin gibt es schon einmal die Single “Sixteen” und eine ganze Reihe an Covers und Remixen zur Einstimmung. Im Interview erzählten uns Simon und Halb-Österreicherin Julia von ihrer Tour mit Art Brut, Karaokesingen auf der Reeperbahn, den Qualen des Sechzehnseins und den seltsamen Eigenarten der Briten.

Ihr seid nun schon seit einer Woche mit Art Brut unterwegs - wie war es so mit ihnen auf Tour?
Julia: (zeigt beide Daumen nach oben) Sehr gut, wir sind eh mit ihnen befreundet und kennen uns schon sehr lange, von daher ist es immer schön, mit Leuten unterwegs zu sein, mit denen man sich gut versteht.

Also ist es schon etwas anderes, zusammen auf Tour zu gehen, wenn man sich gegenseitig bewundert?
Julia: Wir sind ein himmlisches Paar! (lacht) Ja, wir harmonieren echt sehr gut.
Simon: Eddie wird heute Abend sogar mit uns auf die Bühne kommen, für den Song “New Art For The People”.
Julia: Wahrscheinlich macht er das heute, es hängt allerdings davon ab, wie er sich fühlt. Er hat einen ziemlichen Kater von gestern, da waren wir in Hamburg. Wir sind in einer Karaoke-Bar einen trinken gegangen und haben Songs wie “Do They Know It’s Christmas” gesungen. Und ich habe die Backstreet Boys gesungen und “The House Of The Rising Sun”.
Simon: Ja, von John Otway!
Julia: Er hat eine großartige Version von diesem Song gemacht, mit einer Art Frage-Antwort-Spiel. Er singt also “There is…” und dann kommt “What?” und dann wieder “A house!”
Simon & Julia: “Where?”
Julia: “Down in New Orleans!” (lacht) Es war wirklich lustig gestern, wir mögen Hamburg sehr gern und außerdem kannten wir ein paar Leute dort.

Findet ihr, es gibt Parallelen zwischen euch und Art Brut?
Julia: Wir haben wahrscheinlich eine sehr ähnliche Botschaft und die gleichen Ideen, ich meine, es kann wirklich jeder Gitarre spielen und man sollte zwar Anerkennung bekommen, für was man tut, aber nicht zu viel für etwas, das einfach jeder machen kann.

Eure Songs sind ebenfalls sehr ironisch - passiert es euch manchmal, dass die Leute diese Ironie nicht verstehen und sich schnell angegriffen fühlen?
Simon: In Deutschland nicht, nur in England. Dort fragen uns Leute Dinge wie “Warum wollt ihr Pete Doherty umbringen?”…
Julia: Hier ist das anders, als wir im Februar in Deutschland waren, war die Reaktion der Leute eher “Ja, wir wissen, dass ihr Pete Doherty nicht umbringen wollt.” - Woher kommt es, dass ihr hier die Songs versteht, aber die Engländer nicht? Die Leute in England schicken uns Hassmails deswegen.

Apropos Pete Doherty, habt ihr euch schon das neue Babyshambles-Album angehört?
Julia: Nein, leider nicht. Aber unser Fahrer hat es in Erlangen gekauft, das heißt wir können es jetzt während der Fahrt hören. Ich mag die Babyshambles recht gern und finde sie ziemlich gut. Textlich ist es vielleicht nicht so meins, aber musikalisch mag ich den dunklen und chaotischen Klang.

… und Pete ist ja auch seit sechs Wochen clean.
Simon: Oh, und wie geht es Amy Winehouse?
Julia: Amy Winehouse ist es sicher nicht…
Simon: Ich glaube, es waren die Inkas, die haben einen jungen, hübschen Knaben zu einem göttlichen König großgezogen und ihm für ein Jahr alles gegeben, was er wollte. Anschließend haben sie ihn dann geopfert - das ist in etwa das gleiche.
Julia: Das ist auch mit Pete Doherty und Amy Winehouse passiert - erst haben sie sie großgezogen und anschließend fallengelassen.

Ihr verteilt ja bekanntlich gerne einmal Seitenhiebe an die Musikindustrie - wenn ihr etwas daran verändern könntet, was würdet ihr anders machen?
Simon: Viel schlimmer als die Musikindustrie sind die Menschen, die darauf hereinfallen. Die Industrie ist einfach eine Industrie, das war sie schon immer und das wird sie auch immer bleiben. Es sind eher die Kids, die auf sie hereinfallen und an Mythen glauben, die von egoistischen Köpfen geschaffen werden. Jeder bekommt, was er verdient und ich denke, Aufklärung ist da viel eher angebracht. Ich würde gerne eine Menge ändern, vor allem die Menschen, die unglücklich sind. Wenn man glücklich und zufrieden ist, ist alles in bester Ordnung, aber oft läuft es eher nur in eine Richtung und die Industrie schlachtet die Menschen aus. Es sollte eher eine zweiseitige Beziehung sein, die Menschen sollten sich gerne der Musikindustrie zur Verfügung stellen - wenn sie sich nur dagegen wehren, ausgenutzt zu werden, dann sollte sich das ändern.
Julia: Es ist also mehr eine Angelegenheit der Menschen als ein Problem mit der Industrie. Die tut nur, was jede Industrie macht: sie nimmt sich, was sie kann und macht daraus so viel wie möglich.

Ihr veröffentlicht bald eure neue Single, “Sixteen”…
Julia: Ja, am Montag. Ich vergesse immer, dass es schon am Montag so weit ist.

Das Cover und auch das Video zeigt euch beide verkleidet als alte Menschen, ihr könntet eure eigenen Großeltern sein. Wie war es, solche Fotos zu machen?
Julia: Schmerzhaft. Wir hatten so eine Art Plastikschicht auf dem Gesicht, um es runzelig aussehen zu lassen. Bei mir hat es nicht ganz so gut geklappt, sie mussten es übermalen und das Plastik ist überall festgeklebt.

Habt ihr Angst vor dem Älterwerden?
Julia: Ich? Nein. Ich werde gern älter und ich bin wirklich froh, dass ich keine sechzehn mehr bin. Wirklich. Ich habe das Sechzehnsein gehasst, es war damals das Schlimmste auf der Welt. Ich habe es auch gehasst, achtzehn zu sein und als ich endlich einundzwanzig war, war ich überglücklich, denn da waren so viele Dinge, die ich plötzlich tun konnte und ich habe eine Menge Neues gelernt. Als Teenager war ich nicht wirklich selbstsicher und es war sehr hart, nun bin ich erwachsen, es ist ein viel besseres Gefühl und ich kann tun und lassen, was ich möchte.

Wo seht ihr euch in… 60 Jahren?
Julia: In 60 Jahren? Oh Gott…
Simon: Wahrscheinlich tot.

Okay, sagen wir 50. Oder 40.
Simon: Verbittert, würde ich sagen. (lacht)
Julia: Und sehr reich!
Simon: Reich? Wohl eher nicht…
Julia: Stimmt, wahrscheinlich ziemlich verarmt. (lacht)

Gibt es etwas, was ihr bis dahin erreicht haben wollt?
Julia: Ich würde ganz gern Kinder haben. Okay, das klingt jetzt vielleicht total dämlich, aber ich glaube, ich würde eine recht gute Mutter abgeben. Meine Eltern waren natürlich auch gute Eltern, aber ich glaube, ich bin es der Welt schuldig, bessere Kinder zu bekommen als ich es war. (lacht) Aber ja, da gibt es ziemlich viel, was ich noch machen möchte.

Ihr habt ein Projekt namens “Versions”, bei dem ihr Fans und andere Künstler eure Songs covern und remixen lasst. Was war das interessanteste, was ihr bisher so bekommen habt?
Julia: Oh, da gab es eine ganze Menge.
Simon: Eine Barbershop-Version von “Sixteen”!
Julia: Die ist echt großartig. Das Versions-Projekt findet jetzt schon zum zweiten Mal statt und wir haben echt unglaubliche Einsendungen bekommen. Vor allem von “Sixteen”, manche Leute haben einfach nur Krach gemacht.
Simon: Ja, die Musik bestand lediglich aus elektronischem Lärm. (lacht und imitiert Elektrogeräusche)
Julia: Es war auch ziemlich cool, dass so viele Menschen wirklich darauf geantwortet haben. Vor allem in England sagen die Leute oft “Hmmmm, ja, eventuell mache ich vielleicht was…” und dann kommt doch nichts.

Seit August haben die Indelicates offiziell einen Plattenvertrag und auf eurer Homepage hieß es scherzhaft, dass ihr nun “wahrscheinlich zu mainstream” seid - passiert es wirklich, dass Leute sich abwenden, weil eine Band nun zum “Mainstream” gehört?
Julia: (lacht) Ja, das passiert hauptsächlich in den richtigen Indie-Kreisen. Wenn man zum Beispiel eine Album-Version von einem Song aufnimmt, hört man viele Menschen sagen “Also ich bevorzuge ja die Demo-Version, das ist eine viel bessere Version von dem Song…” - ich meine, wir haben das Demo doch nicht zerstört und es ist auch nicht aus der Welt. Es ist auch weiterhin im Internet, ihr könnt es euch doch immer noch runterladen und es zwingt euch niemand, die andere Version zu hören. Die Leute sind manchmal sehr spießig, was das angeht.

Ihr habt einen Song namens “Julia, We Don’t Live In The 60ies”, der von der Haltung gegenüber Demonstrationen handelt. Wart ihr schon mal auf einer Demo?
Julia: Ich war auf unzähligen Demonstrationen, weil ich dort oft fotografiere und sie mit Bildern dokumentiere. Ich mache hauptsächlich Fotos von den Kindern, die dort auf der Demo sind, denn viele der Kinder werden oft übersehen. Und viele Menschen gehen protestieren und haben keine Ahnung, was sie dort eigentlich machen. Bei einer der größten Demonstrationen waren um die 20.000 Menschen, ich war dort und habe mich umgesehen und die meisten Leute waren nicht dort für den Protest, sondern die Protesterfahrung. Es hat sich ziemlich gewendet, man kann zwar heutzutage auf Proteste gehen, auch wenn man sich nicht sonderlich dafür interessiert, aber wenn es dann einmal wirklich etwas gibt, gegen dass man ernsthaft protestieren möchte, dann ist es umso schwerer. In Deutschland ist das auch anders, habe ich den Eindruck. Oder in Österreich, da gab es mal eine Demonstration gegen Haider und es war eine erstaunliche Bandbreite von Menschen dort: von Omas über Studenten bis hin zu Geschäftsmännern, alle am selben Ort. So etwas habe ich in England noch nie gesehen.

Gegen was würdet ihr gerne mal eine große Demonstration starten?
Julia: Ich glaube, die Sache mit Burma im Moment wäre ein gutes Thema.
Simon: Ich war seit einer Woche nicht mehr in der Nähe von einer Zeitung, von daher weiß ich nicht genau, wie es sich entwickelt hat. Vielleicht gibt es ja mittlerweile wieder Frieden dort, ich hoffe es sehr, aber es ist nach wie vor eine wichtige Angelegenheit. Wenn man protestiert, sollte man immer auf der Seite der Freiheit bleiben. Der Grundgedanke ist, dass Menschen frei sein sollten - erst dann kommt alles andere.

Danke für das Interview und viel Spaß auf der Bühne heute Abend!

Nach dem Interview standen Simon, Julia, Alastair, Kate und Ed exklusiv für uns vor der Kamera und zeigten sich von ihrer besten Seite.

Fotos: Anna Strauch. Mehr davon in der Galerie.


10.10.2007 um 21:28 von Ines |


Kommentare

Bereits 2 Kommentare zu “The Indelicates im Interview”
  1. meg schrieb:

    Sehr erleuchtend! ;)

    Und toll dass Ihr auch noch Fotos machen konntet.
    xxx

  2. klammerauf.org | worte, web und rock'n'roll | Girls just wanna be sixteen schrieb:

    […] - Versions Project: Julia, We Don’t Live In The 60s » The Indelicates - Sixteen (Video) » The Indelicates im Interview Freitag, 12. Oktober 2007 um 15:12 Uhr Tags: the indelicates, […]

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