The Victorian English Gentlemens Club im Interview
Sie sind jung, erfolgreich und sexy und ihr Bandname sprengt jede Registerkarte im Plattenladen: The Victorian English Gentlemens Club spielen sich seit über einer Woche quer durch die deutschen Clubs (wir berichteten). Aber was denken junge Briten über das deutsche Publikum? Wie sieht eigentlich das Tourleben aus? Und was zum Teufel hat es mit “Ban The Gin” auf sich? Vor ihrem Konzert im Kölner Subway trafen wir Adam, Louise und Emma, die nicht nur gut aufgelegt, sondern auch sehr gesprächig waren.
Ihr seid jetzt seit über einer Woche in Deutschland unterwegs - wie ist die Tour bisher gelaufen?
Louise: Sehr gut!
Emma: Ja, Berlin war richtig gut und Hannover ebenfalls.
Louise: Berlin war ziemlich laut und die Leute haben uns Gin mitgebracht.
Emma: Ich glaube, in Münster haben sie uns den meisten Gin mitgebracht…
Louise: Stimmt, aber hmmm, ich glaube, gestern Abend hab ich den meisten Gin getrunken. (lacht)
Wie ist euer Eindruck von Deutschland?
Louise: Großartig! Wirklich toll. Die Leute hier wissen sehr viel über Musik und sind viel aufrichtigtiger. In England ist es eher so, dass die Leute Dinge mögen, weil sie trendy sind, und wenn sie out sind, mögen sie sie nicht mehr. In Deutschland ist man da viel hingebungsvoller.
Was war denn die unvergesslichste Show, die ihr je gespielt habt?
Louise: Jemals? Oh… Ich glaube, Emma fand Hannover ziemlich toll.
Emma: Ich habe kein gutes Gedächtnis, was so etwas angeht, ich kann mir höchstens 10 Gigs merken. Aber ich würde sagen, Hannover, wegen den Menschen. Sie wollten sogar, dass ich ein Drumsolo spiele. Das hat mich echt erstaunt.
Louise: Meine Lieblingsshow war in Amerika, wir haben dort beim South by Southwest Festival gespielt, eine einzige Show und wir wussten nicht, ob überhaupt jemand kommen würde. Wir haben auf einer sehr kleinen Bühne gespielt und dann war dort eine Riesenmenge von Menschen auf der Straße… Es war echt großartig.
Emma: Wir haben dort in einer Art Fenster gespielt, in so einem Pub, es war unglaublich heiß in Texas und durch das Fenster konnte ich die Leute draußen sehen.
Louise: Als wir dann fertig waren, ist Emma aus dem Fenster gesprungen zu den ganzen Menschen und als sie wieder rein wollte, hieß es nur: Nee, es ist voll, sorry. (lacht)
In dem Moment kommt Sänger und Gitarrist Adam Taylor, bringt ein paar Getränke und setzt sich zu uns.
Emma: Was war dein Lieblings-Gig, Adam?
Adam: (überlegt lange) Wahrscheinlich der gleiche, wie eurer.
Emma: Was ist mit dem in Manchester, wo du krank warst und für alle Fälle einen Eimer auf der Bühne stehen hattest?
Adam: Oh ja, das war aber kein guter Gig…
Emma: … aber einer meiner Favoriten!
Adam: Ich hatte eine Erkältung und war richtig krank bevor ich auf die Bühne gegangen bin und hatte dann einen Eimer auf der Bühne stehen… Aber das passt doch gar nicht zur Frage. Es ist immer so, man geht zu einem Konzert steht unter einem ziemlichen Druck - überall ist dieser Hype. Man ist immer ein bisschen nervös, weil man nie weiß, ob überhaupt Leute kommen werden, aber dann sieht man das Publikum, alle sind glücklich und haben Spaß, das ist natürlich ein super Gefühl.
Louise: Übrigens, kennst du Thurston Moore von Sonic Youth? Den habe ich an besagtem Abend getroffen! Wir sind ausgegangen und waren ziemlich betrunken und dann haben wir uns Thurston Moore angeguckt, der einen winzigen Gig gespielt hat. Da waren echt nur eine Handvoll Leute - und da habe ich ihn dann getroffen, das war toll.
Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
Louise: Wir waren alle auf der Kunsthochschule in Cardiff, Adam hat Malerei gemacht, Emma hat Film studiert…
Emma: (unterbricht) … und Louise hat in einem Stripclub gearbeitet, der “The Victorian Gentlemens Club” hieß. Die hatten ziemlich schicke T-Shirts mit dem Namen drauf, daher kommt unser Bandname.
Geht ihr der Kunst-Sache denn immer noch nach?
Louise: Ja sicher, Emma hat einige unserer Videos gedreht, Adam malt weiterhin Sachen…
Emma: … und Louise hat all unsere Grafiken für die Band gemacht!
Wenn junge Menschen euch nach Rat für das Gründen einer eigenen Band fragen würden - was würdet ihr ihnen sagen?
Louise: Übt nicht zu viel, bevor ihr auftretet! Als wir angefangen haben, haben wir einfach immer und überall gespielt, wo wir nur konnten.
Emma: Ich würde sagen: Hört euch nicht die ganzen anderen Bands an. Niemals.
Adam: Genau, das ist der beste Ratschlag überhaupt! Ansonsten kriegt man nur haufenweise Bands, die klingen wie die Libertines.
Was denkt ihr denn über die Libertines?
Emma: Die sind irgendwie nicht sonderlich interessant…
Louise: Ich hab das erste Album, das ist ganz gut. Das ist halt so eine sehr englische Sache, sie sind überall, es gibt einfach so viel davon und irgendwann ist man es satt.
Adam: Es ist eigentlich eine Schande, wir haben in Italien mit einer Band gespielt, die waren praktisch wie eine Kopie der Horrors, nur italienisch. Ich sehe da nicht viel Sinn drin, es gibt ebenso eine Menge Kopien der Libertines - vor allem in Frankreich, da gibt es viele, die einen auf super-britisch und Libertines-Style machen.
Ja, das gibt es selbst in Deutschland.
Adam: Ich finde, das sollte viel deutscher oder eben französischer sein.
Emma: Es ist echt schade, wie eine einzige Band ständig kopiert wird und sich niemand mehr von den anderen unterscheidet.
Emma: Kennst du das neue von den Babyshambles?
Ja, sicher!
Emma: Das klingt so sehr nach den Kinks… Es ist The Kinks.
Louise: Als wir gestern Abend gespielt haben, war da ein Mann in der ersten Reihe, der hat in der Pause zwischen zwei Songs ständig nach Kinks-Songs gerufen. Immer wieder, jedes Mal, wenn es zwischen den Songs kurz ruhig war.
Wie haben eigentlich eure Eltern und Freunde reagiert, als ihr plötzlich immer mehr Erfolg mit eurer Musik hattet?
Louise: Mein Vater freut sich sehr darüber, er trägt immer unser Band-T-Shirt. Er ist ziemlich glücklich darüber, glaub ich.
Adam: Wie viele Freunde haben wir überhaupt? (lacht) Wir haben sie alle mit auf Tour genommen. Ihn zum Beispiel! (deutet auf den Roadie, der gerade etwas auf der Bühne aufbaut)
Emma: Wir haben schon irgendwie andere Freunde, seit wir die Band haben.
Seht ihr das als normalen Job, wie im Büro oder bei McDonalds zu arbeiten, oder ist es immer noch etwas Besonderes für euch?
Louise: Naja, Emma kam beispielsweise direkt von der Universität…
Emma: Ich hatte eigentlich nie einen Fulltime-Job und versuche, es hinzukriegen, dass es so bleibt. (lacht)
Louise: Ich habe in einer Bibliothek gearbeitet, Adam in einem Wein-Geschäft…
Adam: Ja, ich habe in einem Off-licence Spirituosengeschäft gearbeitet, das war nicht sonderlich toll.
Louise: Ich habe mich praktisch ständig krank gemeldet, immer für Gigs, und schließlich hat mein Chef einmal einen Blick auf unsere Band-Website geworfen und rausgefunden, warum ich ständig krank war…
Und dann wurdest du gefeuert?
Louise: Ja. (schmunzelt)
Adam: Es ist sehr schwierig, den Job zu behalten, wegen dem Touren und allem. Ich habe mal in einer Nervenklinik gearbeitet, als Putzmann, und es war eine komplizierte Situation. Irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man seinen Job zwar braucht, aber ihm wegen der Band einfach nicht mehr nachgehen kann.
Wie sieht denn eure tägliche Routine aus, wenn ihr auf Tour seid?
Adam: Es ist relativ langweilig, oder?
Emma: Unser Tourmanager weckt uns meistens auf und Louise sorgt dafür, dass wir frühstücken. So nach dem Motto “Kommt, auf gehts, Frühstück!” Und wenn Adam sich morgens duscht, sitzt er mindestens eine Stunde rum und hat nur Handtücher an. Er meint, seine Haut würde dadurch besser trocknen… Und dann fahren wir und fahren und fahren…
Adam: … und fahren. So um die 5 Stunden.
Emma: Und dann kommen wir in den Club, jemand gibt uns ein Bier und wir sind glücklich. (lacht) Dann machen wir irgendwann Soundcheck, sitzen rum, …
Und Leute kommen, um euch zu interviewen…
Louise: (lacht) Genau!
Adam: Auf Tour sein ist nicht wirklich produktiv, oder?
Louise: Man hat circa 23 Stunden, in denen man nichts macht und dann eine Stunde voller positiver Dinge.
Adam: … und einer Menge Alkohol.
Apropos Alkohol, einer eurer Songs heißt “Ban The Gin” - warum um alles in der Welt wollt ihr den Gin verbieten? Oder wollt ihr das überhaupt tun?
Louise: Oh Gott, nein, wir lieben ihn!
Adam: Im 17. Jahrhundert wurde in England der Gin verboten, weil sie dachten, er würde Mord und Totschlag verursachen.
Emma: Sie haben ihn für alle Probleme der Gesellschaft verantwortlich gemacht und daher haben sie ihn einfach verboten.
Adam: Wenn ein Einbrecher in ein Haus eingebrochen ist, hieß es gleich: “Oh, er hat Gin getrunken, sperrt den Gin weg!”
Und was denkt ihr über Drogen?
Louise: Wir sind natürlich grundsätzlich gegen Drogen.
Adam: Es ist immer einfach, Alkohol und Drogen für Probleme und Dinge, die so passieren verantwortlich zu machen. (denkt nach)
Emma: Ja, ich glaube, Adam wollte sagen, dass heutzutage vor allem ältere Menschen der Meinung sind “Oh, die Jugend von heute, alle nehmen sie Drogen” und dass Drogen die Ursache alles Schlechten sind. Vor ein paar Hundert Jahren war es der Gin.
Adam: Ich denke, die Menschen sind das Problem, nicht die Drogen.
Emma: Momentan ist das eine sehr heiße Geschichte in England, es heißt, es gebe eine Menge Menschen mit Alkoholproblemen. Vor allem das so genannte binge-drinking bei jungen Frauen.
Adam: Ich finde es nicht gut, dass man in England nicht trinken darf, wenn man unter 18 ist. Es wird immer dämlicher, dass man aussehen muss wie 21 und ähnliches. Emma und Louise zum Beispiel wird in England kein Alkohol verkauft, das ist Schwachsinn.
Emma: In Amerika ist das ja noch schlimmer, dort ist die Altersgrenze ja sogar 21. Als wir in Texas waren, wollte ich mir Tabletten gegen Heuschnupfen besorgen, weil ich Heuschnupfen hatte. Dort musste ich dann erst einmal ein Formular ausfüllen, wofür ich diese Tabletten genau brauche - anscheinend gibt es Leute, die Heuschnupfen-Tabletten kaufen und daraus Crystal Meth oder andere grässliche Drogen herstellen. Verrückt.
Wie sehen eure Zukunftspläne aus?
Louise: Wir beenden erstmal diese Tour, dann geht es zurück nach England für etwa 3 Wochen und machen dann eine sehr große Tour. Kennst du die Sons And Daughters? Mit denen gehen wir fünf Wochen lang auf Tour, das wird die längste Tour, die wir jemals gemacht haben. Danach kommen wir wieder zurück und nehmen hoffentlich unser zweites Album auf.
Adam: Und dann touren wir noch mehr um das Album zu promoten…
Emma: Wahrscheinlich kommen wir auch wieder nach Deutschland, jedenfalls sobald wir neues Material haben.
Adam: Ja, vielleicht im April. Deutschland ist echt toll.
Die letzte Frage, die wir jeder Band stellen: Gegen was würdet ihr gerne mal eine große Demonstration starten?
Louise: (aufgesetzt ernst) Gin!
Adam: Jüngeres Trinken in England.
Emma: Dagegen oder dafür?
Adam: Dafür natürlich! Eine Pro-Demonstration.
Emma: Ja, wir würden die Altersgrenze für Alkohol senken, so wie in Deutschland. Die Leute sollten das mal ein bisschen entspannter angehen. Aber eigentlich sind wir gar nicht interessiert an Demonstrationen, wir lassen die Dinge eher auf uns zukommen.
Vielen Dank für das Interview und viel Spaß heute Abend!
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- 20.09.2007 - The Victorian English Gentlemens Club (Düsseldorf)
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