area4 Festival 2008
“Hier ist ja gar nichts! Kein Supermarkt – nix!” bemerkte der junge Mann im Shuttlebus. Er war vielleicht sechzehn, trank sein geschätzt sechstes Bier und schaute aus dem Fenster. “Alter, hier gibt’s nicht mal Kühe!” fügte sein Sitznachbar hinzu und deutete auf die leeren Grasflächen, die an den großen Busfenstern vorbeizogen. Das war also Lüdinghausen, die Heimat des area4.
Eine Stadt irgendwo in den Outskirts von Münster und möglichst schallisoliert. Denn das war auch bitter nötig, neben der selbsternannten besten Band der Welt Die Ärzte sollten hier an diesem Wochenende auch noch Bad Religion oder Serj Tankian auf der Bühne stehen. Und natürlich eine Handvoll Indiebands, die im monströsen Lineup fast schon winzig wirkten und für die die sich die Fahrt aufs kuhlose Land allemal lohnte.
29.08.2008
“Für jung und alt”
Es war Nachmittag, die Sonne schien und auf der Hauptbühne heizten The Sounds ein. Auf dem Flugplatz hatte sich ein kleines Dorf niedergelassen – die Camper waren schon zahlreich angereist und wer die Sorgen des Alltags am Bahnhof zurückgelassen hatte, konnte sich hier nach Herzenslust den Bauch mit Frühlingsrollen vollschlagen, sich Airbrush-tätowieren lassen, im Philip Morris Zelt Videospiele spielen und noch last minute eine bunte Sonnenbrille mit Plastikgestell erwerben.
Letztes Jahr stand das Coca Cola Soundwave Tent noch auf dem Melt!, dieses Jahr hatte das area4 das weiße Plastikwigwam mit den zwei Türmen auf seinem Festivalgelände aufgebaut. Drinnen staute sich die Luft und ein Pulk von jungen Leuten in Slipknot-T-Shirts hatte bereits am späten Nachmittag den Frust über die Absage ihrer Lieblingsband im Alkohol ertränkt. Die Blood Red Shoes hatten also weder einen einfachen Start, noch machten sie es dem Publikum leicht, sie liebzugewinnen. Ihr Auftritt wirkte lustlos und ausgepowert, der Tourmarathon schien an ihren Nerven zu zehren und so quälten sie sich die erstaunlich lange Setlist entlang. Wie Profis eben, die schon lange die lauschigen Keller hinter sich gelassen und gegen große Festivalbühnen eingetauscht haben.
Auf die große Festivalbühne geschafft haben es auch die Plain White T’s. Sie sind sympathisch, charmant und machen die ideale Musik, um im Gras zu sitzen, die letzten Reste des Sommers zu genießen und auf den einen Hit zu warten. “Hey There Delilah”, eine Liebeserklärung, die man gerne hört, sei sie noch so schmalztriefend.
Als The Futureheads begannen, war das Zelt zunächst noch gut gefüllt. Als dann jedoch auf der Hauptbühne Bad Religion loslegten, änderte sich dies schlagartig. “Hey, where are you going?” rief Sänger Barry Hyde ein paar Gestalten am Ausgang hinterher. “Zu Bad Religion!” schienen ihre verdutzten Gesichter zu entgegnen. Die restlichen ihrer 24 Songs spielten die Futureheads schließlich vor einem halbleeren Zelt und gaben sich den Punk-Veteranen aus Amerika geschlagen.
Doch die Headliner kamen erst noch: Die Ärzte aus Berlin. Ein Ärztekonzert sollte jeder schonmal besucht haben, das ist so ähnlich wie mit dem Baumpflanzen und Hausbauen. Das muss sein, zumindest wenn man gerne Listen führt und sie abhakt und am Ende nicht denken möchte, man habe etwas verpasst. “Achtung Jazz” stand auf dem Vorhang, der zur Mitte des ersten Songs “Himmelblau” fiel und die Sicht auf die drei Herren freigab. Ein bisschen in die Jahre gekommen sind sie ja schon, Bela, Farin und Rod. Bei Madonna, die in diesen Tagen ihren Fünfzigsten feierte, können sie zwar noch nicht ganz mithalten, zeigen sich aber ähnlich frisch – und das ohne Beine gepresst in Lycra-Leggins, Falten á la Keith Richards oder Nasen-OPs. “Was soll’n die Nachbarn sagen?” – Scheiß auf Jugendwahn. Wie das Urteil am Ende ausfällt, bleibt jedem selbst überlassen. Albern und eintönig, oder doch witzig, und unheimlich unterhaltsam? Hand aufs Herz – mindestens einen Song kann ja wirklich jeder mitsingen und wenn wir das Trio so im flackernden Licht auf der Bühne sehen, fühlen wir uns ein bisschen wie damals unter der Dusche, als wir “Zu Spät” trällerten und es allen zeigen wollten.
Langsam wurde es Nacht auf dem Flugplatz Borkenberge und die ersten schlenderten bereits zurück zu ihren Zelten, die den Weg zum Festivalgelände säumten. Vom Zeltplatz dröhnten Punk-Gesänge und die Buden und Stände bereiteten sich auf einen neuen Tag vor. Das area4 ist zwar überschaubar und liebenswert – aber eben doch ein großes Happening.
Text: Ines Montani
Foto: area4

















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