Berlin Festival 2009

Noch vor wenigen Jahren verkehrten hier täglich Reisende aus aller Welt, heute ist der Flughafen Tempelhof Schauplatz für diverse Events und bietet dafür eine eindrucksvolle Kulisse. Vom 7. bis 8. August gastierte hier das Berlin Festival mit einem buntgemischten Lineup aus Indierock, Elektro und der ein oder anderen Überraschung. Ein Teil des riesigen Geländes sowie die Abflughalle wurden zum Festivalgelände mit zwei Bühnen umfunktioniert, seine Tickets konnte man am Check-In-Schalter besorgen und das ehemalige Flughafenrestaurant war nun ein gemütlicher Dancefloor. Trotz besonderer Atmosphäre konnte ein Spaziergang auf dem Gelände sehr schnell chaotisch enden und der Sound an den Bühnen hatte oft mehr von Flughafenalltag als von einem Musikfestival.

Freitag, 07.08.09

Am späten Nachmittag öffnete das Festival seine Türen und startete mit Britrock von Humanzi und Synthpop-Klängen von Frankmusik. Noch herrschte gähnende Leere und dies änderte sich auch nicht für die kalifornischen Lo-Fi-Rocker Crystal Antlers auf der Hauptbühne oder Errors aus Glasgow, trotz instrumentaler Elektromusik eine nette Unterhaltung am warmen Sommernachmittag.

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Während Dear Reader aus Südafrika niedliche Melodien durch den leeren Hangar trällerten, begannen derweil Telepathe auf der Second Stage ihr Set. Schon Arte Tracks hatte über die beiden eher burschikosen Mädchen aus Brooklyn berichtet. Sie heißen Melissa und Busy und haben Clubsounds und Synthesizer für sich entdeckt. Ihr Album, das von keinem Geringeren als Dave Sitek von TV On The Radio produziert wurde, klingt tanzbar, ein wenig düster und live in der Abenddämmerung sehr atmosphärisch.

Saint Etienne aus England, die zu späterer Stunde auf der Hauptbühne spielten, existieren bereits seit 1990 und können wohl über den aktuellen Hype des female-fronted Elektropops nur müde schmunzeln. Sie boten eine ausgereifte, elektronische Show mit Frauenpower von Sängerin Sarah Cracknell, die sich in Federboa-Outfit auf die Bühne traute.

Mit Peter Doherty hatte sich das Festival einen nicht ganz unumstrittenen Headliner ins Boot geholt. Würde er nun kommen oder nicht? Und überhaupt, was konnte man von dieser kleinen Soloperformance in einer ehemaligen Abflughalle erwarten? Der Balanceakt, den der mittlerweile 30-jährige Brite zu bewältigen hatte, war wahrlich nicht einfach: die Sensationslustigen gleichermaßen zu befriedigen wie die Liebhaber von guter, handgemachter Musik. Aber die Skandale und Eskapaden, die wohl viele Besucher in den vorderen Reihen sehnsüchtig erwartet hatten, blieben aus. Doherty betrat pünktlich mitsamt zwei Balletttänzerinnen die Bühne, wirkte munter und demonstrierte sogleich seine noch immer recht flüssigen Deutschkenntnisse. Es folgte ein einstündiges Akustikkonzert aus Songs des neuen Albums, einige Titel der Babyshambles sowie Libertines-Klassiker wie “Time For Heroes”, “What Katie Did” oder auch “Music When The Lights Go Out”.

Berlin Festival 2009: Peter Doherty Berlin Festival 2009: Peter Doherty
Berlin Festival 2009: Peter Doherty Berlin Festival 2009: Peter Doherty Berlin Festival 2009: Peter Doherty

Auch wenn Akustikkonzerte wohl eher etwas für kleinere Locations sind und man sich die ein oder andere Interaktion mit dem Publikum gewünscht hätte – Doherty hat es gemeistert. Und zwar so gut, dass es fast schwerfiel, sich anschließend ohne weiteres in Tanzstimmung zu begeben und mit Moderat, alias Modeselektor und Apparat einem  zweistündiges DJ-Set von Peaches zu feiern.

Berlin Festival 2009: Moderat Berlin Festival 2009

Samstag, 08.08.09

Ein wenig schleppend begann der zweite Tag ja schon: Die Kilians huldigten Dinslaken und die The Thermals schrammelten auf der Hauptbühne vor sich hin und wurden ganz unfreiwillig und unverdient Opfer des schlechten Sounds in der Abflughalle. Erste Spannung des Tages kam bei 1000 Robota aus Hamburg auf, die auf der kleinen Second Stage spielten. Das Trio kommt so roh und rotzig daher wie am Anfang ihrer mittlerweile recht steilen Karriere und verpackte die deutschen Texte wie immer in fast mehr Stroboskoplicht als Musik.

“Falls ihr es noch nicht mitbekommen habt, wir sind The Rifles!” stellte sich die Band aus London vor. Dabei war es schwer, dies zu übersehen – der Name prangte nicht nur auf der großen Leinwand, sondern auch auf ganzen vier Logo-Aufstellern, die über die Bühne verteilt waren. Das Bisschen Protzerei soll ihnen verziehen sein, immerhin sind die Rifles eine gute Liveband, die einst den Radiobritpop perfektionierten. Wirklich herausragend waren eher die Songs des ersten Albums, wie der Opener “She’s Got Standards”.

Und während sie sich durch Hits wie “Local Boy” dudelten und hin und wieder ein paar neue Songs einfließen ließen, legten auf der Second Stage bereits Health los. Die Vier aus Los Angeles haben sich erstmals einen Namen gemacht, als Crystal Castles ihren Song “Crimewave” neu interpretierten. Mittlerweile war die Dämmerung eingebrochen,

Im Anschluss wartete das Publikum gespannt auf Micachu And The Shapes. Die Combo um Multiinstrumentalistin und Mastermind Mica Levi wird schon länger als nächstes großes Ding der experimentellen Indiemusik gehandelt. Interessant war es allemal, ein Phänomen wie dieses auf dem Rollfeld eines Flughafens zu erleben – leider wurde es hin und wieder ziemlich anstrengend, penetrant und laut, woran die Akustik sicher nicht ganz unschuldig war.

“Welcome to the airport!” – so begrüßte Jarvis Cocker, Ex-Pulp-Frontmann und Headliner der Herzen, das Berliner Publikum. Die meisten Musiker, die auf eine Karriere wie die seine zurückblicken können, lassen es im Alter lieber ein wenig ruhiger angehen, klimpern solo vor sich hin und ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus. Anders der Mann, bei dem man gar nicht weiß, ob man ihn nun brüderlich Jarvis, oder ehrfurchtsvoll Mr. Cocker nennen soll. Er rockte noch mindestens genauso wie in alten Tagen, redete fast wie ein Wasserfall und spielte eine große Bandbreite an Songs seiner beiden Soloalben “Jarvis” und “Further Complications”. Was auch immer er tut, er darf es. Er kam schließlich schon aus Sheffield, als die Stadt noch hässlich statt hip war und war bereits uncool, bevor Uncoolsein cool wurde.

Berlin Festival 2009: Jarvis Cocker Berlin Festival 2009: Jarvis Cocker
Berlin Festival 2009: Jarvis Cocker Berlin Festival 2009: Jarvis Cocker

Während auf der Second Stage noch Bonaparte ihrem Trash-Punk frönten, wurde die Hauptbühne für das Show-Highlight des Abends hergerichtet. Einmal im Leben ein Deichkind-Konzert besucht zu haben, das reiht sich direkt hinter Hausbauen und Baumpflanzen ein. Einst durchgestartet als kleine Hip-Hop-Combo zählen sie nun zu dem deutschen Partykommando schlechthin. Ihre Show gleicht einem gigantischen Kindergeburtstag mit Trampolinen, Neon-Kostümen, Hüpfburgen, Bierduschen, Schlauchbootfahrten über dem Publikum, Feuerwek, Kissenschlacht, Konfetti und ausgefeilter Choreographie, dazu donnernde Elektrobeats und eine Menge, die sich in Ekstase tanzt. Deichkind treiben die Reizüberflutung auf die Spitze und lassen einen geflasht zurück, getränkt in Schweiß und Bier, bedeckt mit Daunenfedern und high von “Remmi Demmi”.

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Bei einem DJ-Set von Digitalism klang der Abend aus und man ist müde und sich einig: das Berlin Festival war anstrengend und ein wenig chaotisch, manchmal etwas ruppig und laut aber doch irgendwie liebenswert. Wie die Stadt Berlin eben.

Text: Ines Montani
Fotos: Simon Dehn, Josephine Jütte, Pressefotos



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