Haldern Pop Festival 2008

“Herzlich willkommen! Schön, dass du da bist!” und “Keine Hektik. Kein Stress. Haldern” liest unsere Mitfahrgelegenheit die handgeschriebenen Schilder, die einen auf dem Festivalgelände begrüßen. Zur Linken die Kuhweide, zur Rechten die Einfamilienhäuser des Städchens, mit Vorgärten wie aus dem Bilderbuch und kleinen Kindern, die auf ihren Kettcars die Straße entlang brettern. Sie kennen das Prozedere schon. Einmal im Jahr verwandelt das Haldern Pop Festival das Dorf am Niederrhein auf eine magische Weise – die Supermärkte stellen Bier und Zahnbürsten in die ersten Reihen und alle freuen sich auf den Besuch aus der Ferne.

Donnerstag, 07.08.2008
“Ihr seid Indie, wir sind in die Fresse!”

Trotz besorgniserregender Wettervorhersage ließ der strahlende Sonnenschein bei der Ankunft in Haldern noch auf ein wettertechnisch angenehmes Wochenende hoffen. Die Mystery Jets hatten bereits vor einer Weile abgesagt und auch Noah And The Whale, bei denen schon Laura Marling Mitglied war, cancelten last minute. Somit begann das Programm im Spiegelzelt ein wenig unspektakulärer mit Finn. und Norman Palm.

Als die Amerikaner Fleet Foxes im Zelt die Bühne betraten, reichte die Schlange bereits mehrere hundert Meter aufs Feld hinaus. Wie immer wurde lediglicheine angenehme Menge an Menschen ins Zelt gelassen und somit muss stets ein Großteil der Festivalbesucher draußen bleiben. Die nahmen es aber mehr oder weniger gelassen, denn wenn man die Augen zusammenkniff und das Gequatsche der neu gefundenen Schlagen-Steh-Kumpels ausblendete, konnte man auf der großen Leinwand, die das Spiegelzelt zierte, sogar ein paar Schattenhafte gestalten erkennen.

Zum Beispiel von Yeasayer, die mit psychedelischem “Middle-Eastern-Psych-Pop-Snap-Gospel” momentan zusammen mit MGMT auf einer großen Welle schwimmen, die schon lange auch nach Deutschland übergeschwappt ist.

Schon während des Einlasses zur Hauptbühne begann es leicht zu tröpfeln und der Nieselregen verwandelte sich schließlich in einen Wolkenbruch. Das Publikum, nun gehüllt in neonfarbene Plastikregencapes, nahm das in Kauf, immerhin spielten Foals aus Oxford, die im vergangenen Jahr Mathrock wieder salonfähig machten. Nach “The French Open”, das sich mit langem, instrumentalen Intro perfekt als Eröffnungssong eignete, folgte der Hit “Cassius” – ein Song, über den Fall Roms, so ungewöhnlich wie tanzbar. Sänger Yannis Philippakis sprühte vor Energie, sein unbändiges Temperament ließ er an Gitarre, Trommel und Mikrophon aus, während er und seine Band sich gegenseitig zuspielten, statt nur frontal die Menge zu beschrammeln. Es schien, als würde bereits der erste Abend ein absolutes Festivalhighlight mit sich bringen. Der letzte Song war “Electric Bloom”, genauso perfekt gespielt wie der Rest des 40-minütigen Sets.

Haldern Pop Festival 2008: Foals Haldern Pop Festival 2008: Foals

Die Flaming Lips spielen bekanntlich nicht oft, aber wenn, dann richtig. Das sollten auch die Haldern-Besucher zu spüren bekommen. Nachdem Männer in orangenem Bauarbeiter-Dress die Bühne umgebaut hatten, kündigte Moderator und Haldern-Kultfigur Hein die Band an: “Welcome to the biggest birthday party ever!” Und er versprach nicht zu wenig. Bereits beim ersten Song prasselte ein Feuerwerk aus Konfetti auf die Menge nieder und eine Armee von bunten Teletubbies tanzte am Bühnenrand zu den ehrer ruhigen Klängen der Musik. Zum Höhepunkt des Auftritts schwebte Sänger Wayne Cone in einer gigantischen, durchsichtigen Kugel ins Publikum und ließ sich auf den Händen der verdutzten Festivalbesucher tragen. Die Teletubbies tanzten derweil weiter und schon zündete die nächste Konfettikanone, grüne Riesenballons flogen durch die Luft und das Licht flackerte auf. Ein Showspektakel der ganz besonderen Art, da wurde die Musik leider schon zur Nebensache.

Haldern Pop Festival 2008: The Flaming Lips Haldern Pop Festival 2008: The Flaming Lips
Haldern Pop Festival 2008: The Flaming Lips Haldern Pop Festival 2008: The Flaming Lips

Und die nächste Kindergeburtstags-Überraschung sollte erst noch folgen. Während sich ein Großteil der Festivalbesucher zu später Stunde bereits auf den Heimweg zum Zelt machte, bildete sich vor dem Spiegelzelt eine lange Schlange. Hier sollte heute ein ganz besonderer Überraschungsgast spielen. Gerüchte hatte es im Vorfeld einige gegeben, aber die Spannung stand den Wartenden trotzdem ins Gesicht geschrieben. Fettes Brot? Die Killers? Oder doch jemand ganz anderes?

Der Einlass verlief eher zaghaft sodass das Spiegelzelt zwar gut, aber nicht prall gefüllt und noch immer gemütlich war. Die Intrumente wurden gestimmt, das Licht ging aus und tatsächlich: Fettes Brot! Auch wenn die drei Hamburger auf den ersten Blick nicht wirklich ins Lineup passten, sie überzeugten und hatten das Publikum fest im Griff. “Ihr seid Indie, wir sind in die Fresse!”

Haldern Pop Festival 2008: Fettes Brot Haldern Pop Festival 2008: Fettes Brot
Haldern Pop Festival 2008: Fettes Brot Haldern Pop Festival 2008: Fettes Brot

Ob der alte Klassiker “Jein”, “An Tagen wie diesen” mit Gastauftritt von Pascal Finkenauer oder die Modeselektor-Kollaboration “Bettina” – das Publikum feierte. Die Zugabe war die aktuelle Single “Erdbeben”, die sogar schon Maxïmo-Park-Keyboarder Lukas Wooller remixte. Eines muss man ihnen lassen: der Beat, der in Deutschland umgeht, ist an diesem Abend definitiv in Haldern angekommen. Danke, Fettes Brot.

Freitag, 08.08.2008
“Thank you, mother earth!”

Das Bühnenprogramm des zweiten Tages begann mit einem weiteren Regenschauer und dem Engländer Jack Peñate (sprich: “Pen-jah-tej”), der, wie immer, in Karohemd und mit vierköpfiger Band die Ohrwurm-Songs auf der Akustik Gitarre anspielte. Zu Beginn des Sets zeigte sich kurz die Sonne und ließ den Regen verschwinden. “Has the rain stopped?” fragte Jack, besorgt um sein Publikum. Allgemeiner Jubel. “Great!” Er sei nicht religiös, daher danke er nicht Gott, sondern “mother earth”: “Thank you, mother earth for letting the rain stop!” betete das Publikum mit ihm und wie die Ironie des Schicksals es wollte, begann es bereits beim folgenden Song wieder zu regnen. Aber das störte keinen so wirklich, denn immerhin schien die Sonne. Neben den sommerlichen Tanz-Songs wie “Spit At Stars” oder “Torn On The Platform” gab es auch brandneues Material zu hören. Eingängige Songs im altbewährten Stil mit schrammeliger Gitarre, die man schon nach dem ersten Hören hätte mitsingen können.

Haldern Pop Festival 2008: Jack Peñate Haldern Pop Festival 2008: Jack Peñate

Weniger Elan, aber dafür viel mehr Frisur lieferte die 38jährige Joan Wasser, die mit ihrem Projekt Joan As Police Woman versuchte, das, inzwischen wiedermal in bunt leuchtende plastik Regencapes eingepackte Publikum, zum Brodeln zu bringen. Dabei hätte es doch so schön werden können: Eine große und durchaus sehr attraktive Frau plus eine tiefe und soulige Stimme gleich Erfolgsrezept? Nicht ganz. Leider raubte nicht nur das ewig lange Stimmen der Instrumente, sondern auch die, sich noch länger ziehenden Songs, dem Publikum den letzten Nerv. Selbst das eigentlich sehr flotte “Christobel” schaffte es nicht, die inzwischen desinteressiert und am Bier nippenden Musik-Fans noch einmal zur Bühne zu ziehen.

Haldern Pop Festival 2008: Joan As Police Woman Haldern Pop Festival 2008: Joan As Police Woman

Unvoreingenommen konnte sich wohl kaum einer nennen, der wartend vor dem Spiegelzelt stand, denn schon am Abend zuvor hatte es von allen Seiten durch die hauchdünnen Zeltwände geklungen, dass man diesen jungen Mann einfach nicht verpassen dürfe und unbedingt sehen müsse. “Das ist keine Frage des Geschmacks, sondern eine Tatsache.” Wer Glück hatte, schaffte es dann sogar, einen Platz im Zelt zu ergattern, um Gisbert zu Knyphausen zu sehen und sich eine eigene Meinung über das sangenumwobene Songwriter Talent aus Hamburg zu machen. Verständlich also, dass es gerammelt voll war und die Temperatur nicht nur gefühlt bei über 50°C lag. Mit Textzeiten á la “wie Idioten aus dem Film hab ich mein Herz an dich verloren” erwärmte sich dann auch das Herz des letzten Deutschpop Kritikers und machte Platz für eine ganz neue Gefühlslage während sich der unvergessliche Auftritt gen Ende neigte.

Als es langsam dunkel wurde, füllte sich der Platz vor der Bühne gewaltig. Im letzten Jahr galt Kate Nash noch als Neuentdeckung und next big thing, spielte zu früher Stunde im Spiegelzelt und ließ die Zuschauer bewundernd mit dem Kopf nicken. Nun gehörte sie schon zu den Headlinern der Hauptbühne. Während im Hintergrund eine leuchtende Tafel mit ihrem Namen pragte war das Piano von einem rotem Stoffvorhang mit Bordüre geschmückt. So saß Fräulein Nash dann auch frontal zum Publikum und stimmte den ersten Song “Mariella” an, der spätestens bei “ever ever ever” klang, als habe die Platte einen Sprung. Doch traurigerweise war dies hier kein Playback, sondern echt. Auch die bei Musikern beliebte Taktik, sich die Hits fürs Ende des Konzertes aufzusparen, ging in diesem Falle eher nach hinten los. Bei “Mouthwash”, “Foundations”, die sie wie eine große Hitmasse hintereinander aus dem Piano presste, war man bereits schon so ermüdet, dass man die Musik kaum noch wahrnahm und der Blick auf Uhr und Programm-Heft unvermeidbar blieb.

Manch einer verabschiedete sich dann tatsächlich schon vor Ende des Konzertes von seinem apart müffelnden Nachbarn ins Spiegelzelt, denn ein guter Platz bei Lykke Li schien deutlich erstrebenswerter, als ein gesäuseltes “I just want your kiss boy!”. Die junge Schwedin heißt übrigens tatsächlich Lykke und ist in ihrer Heimat nicht nur Musik- sondern auch Stilikone. Zugegeben, ein wenig wie Mary-Kate Olsen sah sie schon aus, mit den langen, blonden Haaren, überdimensionalen Ketten und einem schlichtem schwarzen Hängerchen. Sicherlich waren die experimentiellen Beats nicht jedermanns Sache, sorgten allerdings noch einmal für Tanzbare Minuten im stickigen Spiegelzelt. Die Highlights der 12 Song starken Setlist boten definitiv “Little Bit” und das Vampire Weekend Cover “Cape Cod Kwassa Kwassa”.

Erschöpft, aber glücklich pilgerte man nach diesem Auftritt ein letztes mal für diesen Abend in Richtung Hauptbühne, denn niemand geringeres als die Editors hatten sich angekündigt.

Samstag, 09.08.2008
“Goodbye, my love!”

Sich aus den Zelten und Schlafsäcken pulend versammelte sich an diesem Nachmittag ein eher müder Pulk aus Haldern-Gängern vor der Hauptbühne. Die Belgier Mintzkov und das Indie-Rock Duo The Dodos aus Californien lieferten guten, soliden Sound, der zwar nicht von Überraschungen strotzte, aber dennoch eine herrliche Grundlage für den anstrengend werdenden Tag aboten und zudem auch sicherlich ein paar Fans mehr mit nach Hause nehmen durften.

Obwohl der Platz vor der Hauptbühne sich erst zu den Klängen von Okkervil River richtig füllen sollte, bot sich The Heavy ein ausgesprochen erwartungsfrohes Publikum, dass bereit war unterhalten zu werden. Und, oh ja, das Publikum sollte Unterhalten werden. Kaum waren die ersten Töne gespielt, fühlte man sich zurückversetzt. Der Sound erinnerte verdammt nochmal an ein gutes Led Zeppelin Cover und Sänger Swaby war einfach nur so cool, dass sämtliche Gefrierschränke Hitzewallungen bekommen hätten. Aus dem Süden England stammend, bieten die vier kleinstadt Jungs alles was das alternativ-schlagende Mädchenherz ein bis fünf aussetzer haben lässt – fetzige Klamotten, fetzige Haare, fetzigere Sonnenbrillen und den fetzigsten Sound. Der ist sogar auf dem außergewöhnlich fetzigen Debüt-Album Great Vengeance & Furious Fire vertreten und mit der aktuellen Single In The Morning haben die, self-titled, “big bad wolves” in die Herzen und Beine der Halderianer gespielt.

Haldern Pop Festival 2008: The Heavy Haldern Pop Festival 2008: The Heavy
Haldern Pop Festival 2008: The Heavy Haldern Pop Festival 2008: The Heavy

In einer ganz anderen Liga spielten dann aber Okkervil River – Trotz langer Anreise aus Göteborg, strahlten die Amerikaner mit der brennenden Sonne um die Wette. Neben A Hand to Take Hold Of The Scene, A Girl in Port und For Real, sorgten auch Mitgröhl-Hits wie Unless it Kicks und Black für Beigeisterungsrufe der Menge. Durch Trompeten und aufregend ansteckende Tanzmoves verwandelte sich die oftmals grenzenlos unterschätzten Okkervil River zum Publikumsliebling des Nachmittags. “45 Minuten sollen das gewesen sein?” schimpften einige, doch ihren Gesichtern konnte der aufmerksame Beobachter ablesen, dass kein Ärger aus ihnen sprach, sondern die Enttäuschung, dass es schon vorbei sein sollte.

Haldern Pop Festival 2008: Okkervil River Haldern Pop Festival 2008: Okkervil River
Haldern Pop Festival 2008: Okkervil River Haldern Pop Festival 2008

Die klare und so rein klingende Stimme von Sam Beam, unterstützt durch die leisen Background Vocals seine schüchtern wirkende Schwester Sara, spielt sich seit geraumer Zeit unter dem Namen Iron & Wine in die Playlisten von Fans erster-, zweiter- und dritter Stunde. Mit drei Alben und endlos vielen Singles wird das Material zumindest nicht knapp und so stellte er auch für den Auftritt beim charismatischsten Festival Deutschlands, eine Reihe altbekannter Stücke (House By The Sea), so wie auch zum Beispiel das stark von der Album abweichende The Devil Never Sleeps in eine einstündige Playlist zusammen. Als sie etwas gedankenverloren ein paar Abschiedworte murmelten und die Bühne verließen, blieben die Zuschauer größtenteils Ratlos, was sie mit diesem Erlebnis anfangen sollten, zurück.

Haldern Pop Festival 2008 Haldern Pop Festival 2008

Zu später Stunde dann, kamen Maxïmo Park. Und Maxïmo Park dürfen eigentlich gar nicht enttäuschen, oder? Wenn es eine Band gibt, die die Lizenz zum töten, äh, verzeihung, amüsieren hätte, dann müssten es die Britischen Indie-Rocker sein. Das Verwöhnte Publikum legte nicht zum ersten mal die Messlatte hoch, aber Paul Smith und seine Jungs bieten selbst den schärfsten Kritikern ein Erfolgsrezept, so zuverlässig wie ein schweizer Uhrwerk. Eingängige Popsongs, gewagte Mikrofon Action und akrobatische Glanzleistungen, wie man sie sonst nur im Zirkus zu sehen bekommen würde. Maxïmo Park sind also im Prinzip eine garantierte Einladung zum Spaß haben – Langweilig werden sie trotzdem nicht.

Haldern Pop Festival 2008: Maxïmo Park Haldern Pop Festival 2008: Maxïmo Park
Haldern Pop Festival 2008: Maxïmo Park Haldern Pop Festival 2008: Maxïmo Park

Wie nah einem Musik doch gehen kann, bewies der bärtige Scott Matthew an diesem späten Abend nocheinmal eindrucksvoll und begeisterte das standhaft gebliebene Spiegelzeltpublikum mit schaurig schönen Klängen, die gekonnt aber nicht anmaßend an Antony oder Rufus erinnerten. So ein bisschen zumindest. “‘Cause I’m not special but it helped to know that some one thinks I am. And god, its weird.” Ehrlich klingt es, was der New Yorker so zerbrechlich ins Mirkofon haucht und zaubert trotz theatralisch anmutenden Texten und dem gekonnten verzicht auf ein Schlagzeug, ein lächeln auf die Gesichter der umstehenden. Ein lächeln das den zuhörern die Möglichkeit gibt, dem lauten Rummel zu entkommen und sich voll und ganz dem Charme des “Quiet Noise Maker”’s hinzugeben.

Zugegeben: Als am nächsten Morgen die Zelte geschnürt wurden, die letzten Bier Reste geleert wurden und ein VW-Bus nach dem anderen Richtung “zu Hause” rollt, ist man ein bisschen froh dass es vorbei ist: das Haldern Pop. Ansonsten würde man, ganz sicher, irgendwann vor lauter Eindrücken einfach tot umfallen. Und außerdem warten zu Hause ja auch die Muttis, Vatis, Boy- und Girlfriends, die alles über das “beste Festival der Welt” wissen wollen. Herzlichen Glückwunsch zum 25. Haldern. Der Erfolg sei euch gegönnt. (Und das obligatorische: “Nächstes Jahr kommen wir wieder”, ersetzen wir dieses Jahr durch ein ganz ehrlich gemeintes:) Bis bald!

Text: Ines Montani & Franziska Reichwein
Fotos: Franziska Reichwein



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