Haldern Pop Festival 2009
Vor genau 40 Jahren fand in den USA das legendäre Woodstock-Festival statt: freie Liebe, viel Matsch, bunte Klamotten und psychedelische Musik. Ein klein bisschen davon lebte an jedem Augustwochenende im Städtchen Haldern wieder auf. 38 Bands verausgabten sich auf niederrheinischen Kuhweiden und die Sonne strahlte vom Himmel – alles in allem der perfekte Abschluss für den diesjährigen Festivalsommer.
Donnerstag, 13.08.09
Der Wettergott hatte es fast schon zu gut gemeint. Während immer mehr Besucher eintrudelten und in der Sommersonne ihre Zelte aufbauten, begann am späten Nachmittag das musikalische Programm. Den Anfang machten Baddies aus Essex, die sich mit ihrem post-punkigen Sound Vergleiche mit den Futureheads wohl ohne Murren gefallen lassen müssen. Der restliche Nachmittag verlief gemütlich mit Palm Springs und Wintersleep, die Getränke wurden kaltgestellt und nach Sonnenuntergang machten es sich die Besucher im Biergarten des Spiegelzelts gemütlich.
Der Name The Irrepressibles klingt zum einen unspannend, zum anderen erwartet man eher eine halbwüchsige, rebellische Jungs als einen glitzernden Kindergeburtstag, der an Dramatik schwer zu überbieten ist. Zu später Stunde tauchte die Band um Sänger Jamie Mc Dermott – gekleidet in weißem Kostüm, Glitzer, spitzem Hut und vielen künstlichen Haaren – das Spiegelzelt in eine bunte Klangwelt der verschiedensten Kammerinstrumente. Die Stimme erinnerte stark an Antony Hegarty (Antony And The Johnsons) und das Gespann aus England war sicherlich die Überraschung des Tages – wenn auch ein wenig zu verrückt für den ersten lauen Festivalabend.
Freitag, 14.08.09
Das verhältnismäßig früher Aufstehen hatte sich gelohnt, denn der Freitagnachmittag begann mit einer großen Überraschung: Beim betreten der Wiese zum Festivalgelände schienen sich viele nicht bewusst darüber zu sein, wer da lauthals ins Mikrofon sang. Mann, Frau oder etwa beides? Asaf Avidan heißt der junge Mann, er kommt aus Israel und wurde bereits vom Rolling Stone als “der neue Messias” betitelt. Das erste Album seiner Band Asaf Avidan & The Mojos sorgte schon vor dem Erscheinungsdatum für Furore unter Plattenkritikern, die sich aber alle darin einig waren, dass es das Debüt des Jahres werden könnte. Dem entsprechend gut war auch die Resonanz der Zuschauer auf Lieder wie “Hangwoman” oder “Weak”. Eigentlich selbstverständlich, dass der Aufforderung am Ende des Konzertes, auf der anderen Seite der Wiese eine CD zu erwerben, mehr als nur einer Folge leistete.
Nach einem kleinen Zwischenstopp mit Port O’Brien aus Kanada wartete das Publikum gespannt auf Final Fantasy. Beim letzten Haldern Pop im Jahr 2006 wurde Owen Pallett, der sich hinter diesem Synonym verbirgt, ins Nachtprogramm des Spiegelzeltes verbannt. Diesmal durfte er nicht nur bei strahlendem Sonnenschein, sondern auch auf der großen Hauptbühne spielen. Die Overheadprojektor-Folienwelt hat er diesmal zuhause gelassen, aber mit ein paar neuen Songs und dem bezaubernden Lächeln im Gepäck, half er dem Publikum sich trotzdem in ferne Welten zu träumen.
Kann sich ein Quartett aus London leisten, sich schon wieder neu zu erfinden, bevor es hierzulande richtig Wurzeln gefasst hat? Sie haben es einfach mal ganz frech getan: Die fröhlichen Londoner von Noah And The Whale, die schon mit der bezaubernden Laura Marling arbeiteten, konnten selbst ohne die Hits “Shape Of My Heart” und “5 Years Time” sun sun sun und fun fun fun auf die Halderner Wiesen zaubern. Um die enttäuschten Gesicher des Publikums kamen Sänger Charlie Fink mit verschmitzem Blick und Schuljungencharme und sein Bandkollege Tom Hobden mit Ellbogenschonern und Mathelehrerlook, aber nicht ganz herum. Aber sein wir mal ehrlich: Lange kann man den Jungs nicht böse sein.
Als nächstes betrat Loney, Dear alias Emil Svanängen die Bühne. Dass dieser Mann ein begnadeter Songwriter und hingebungsvoller Performer ist, wurde an diesem Abend auch dem Letzten klar. Und die im Programmheft angekündigten ominösen “& Friends” waren keine geringeren als zwei Gastmusikerinnen und sein alter Kumpel Patrick Watson, der im Anschluss auch solo auf der Bühne stand.
Man könnte es fast als den Höhepunkt des Abends bezeichnen: Athlete aus London waren kurzfristig als Ersatz für den jungen Schotten Paolo Nutini eingesprungen fuhren auch zu später Stunde noch mit radiokompatiblen Indiesongs vom Feinsten auf. Ob es der “Superhuman Touch” war, oder doch die “Magical Mistakes” aus ihrem Album “Black Swan”: ein “Awkward Goodbye” wurde es nicht, und so entließen die Britrocker das Publikum nach einem atmosphärischen Set zurück auf den Campingplatz.
Samstag, 15.08.09
Der Festivalnachmittag begann trotz brütender Nachmittagssonne musikalisch ein wenig dunkler: Der melodisch-düstere Sound von I Like Trains kommt aus Leeds. Der Hitze zum Trotz trug die Band schicke British Rail Uniformen und hielt es in diesen sogar knapp eine Dreiviertelstunde aus. So spielten sie fast schon gelassen eine Mischung aus alten und neuen Songs, die das Publikum so gut aufnahm, dass I Like Trains rückblickend nicht nur einmal als Lieblingsact benannt wurden.
Die südafrikanische Band Dear Reader passt auf die Haldern-Wiesen wie Eis zum Sommer. Man könnte sogar fast sagen, dass die Band mit der Nachmittagssonne um die Wette strahlte. Wunderschöne Melodien und Songs wie “Dearheart” sind es, die Dear Reader zu einem bezaubernden Live-Erlebnis machen. Das Haldern Pop hat mal wieder ganze Arbeit geleistet und mit diesem Nachmittags-Highlight nicht nur das Publikum, sondern auch die Band glücklich gemacht.
Als nächstes folgte eine Band, die von vielen mit Spannung erwartet wurde: The Maccebees aus Brighton waren ohne Zweifel würdige Nachfolger von Noah And The Whale in der Kategorie “Schuljungencharme zum Dahinschmelzen”. Zwar konzentrierte sich das Set hauptsächlich auf das neue Album “Wall Of Arms”, dass ein wenig ruhiger daherkommt, aber auch alte Hits wie “X-Ray” und “Precious Time” durften nicht fehlen. Als Sänger Orlando Weeks dann auch noch die schmalzig-schöne Ballade “First Love” anstimmte, war es auch um die letzten Mädchenherzen geschehen.
Den seit langem als Next Big Thing gehandelten, und schließlich auch gewordenen Grizzly Bear liegt wie vielen Bands der Live-Fluch schwer auf den Schultern. Was auf Platte noch zu höchstem Lob anregte, verlor auf der großen Haldern Bühne plötzlich den roten Faden und so schafften die Brooklyner es kaum, eine Verbindung mit dem Publikum herzustellen. Doch die Fans, die jedem Ton der Grizzly Bears aufmerksam verfolgten und sich nicht stöhnend nach Schatten sehnten, erlebten ein schönes, nur leider nicht so spannendes Konzert.
Einen nicht so schönen Start hatte Justin Vernon alias Bon Iver: Sein Soundcheck hielt die ein oder andere ohrenbetäubende Überraschung bereit und zum ersten Mal an diesem Haldern-Wochenende ertönten tatsächlich Pfiffe aus dem Publikum. Diese galten allerdings nicht dem sympathischen Musiker, sondern den Rückkopplungen des Mikrofons. Das Konzert verlief dann deutlich ruhiger. Ob “Skinny Love”, “Flume” oder “Lump Sum”, alle wurden gespielt.
Wer nach The Thermals und Andrew Bird noch einen der heißbegehrten Plätze im Spiegelzelt ergattern wollte, der musste sich beeilen. Mumford and Sons standen auf dem Programm und diese Band wollte sich niemand entgehen lassen, wurde sie doch vorher von allen Seiten zum nächsten großen Ding der britischen Folk-Musik erklärt. Sicherlich, wirklich neu ist das Konzept nicht: ein paar Jungspunde bedienen sich großzügig der traditionellen Musik und spielen niedliche Songs mit Banjo und Kontrabass. Aber irgendwie muss man sie einfach mögen, im kleinen stickigen Spiegelzelt am späten Nachmittag. Wer von der unglaublichen Energie der Band nicht weggeblasen wurde, sang bei “Little Lion Man” sogar mit und der Publikumsliebling “Dust Bowl Dance” beendete schließlich den Auftritt der Band.
Victoria Hesketh aka. Little Boots ist zierlich und bildhübsch, das steht außer Frage. Auch musikalisch hat sie eigentlich eine Menge zu bieten, wenn denn dann die Technik mitspielt: Ein Wackelkontakt im Mirkofon sorgte für Verwirrung und etwas spärlich zu hörenden Gesang – das sei ihr aber verziehen. Fraglich ist allerdings, ob es clever war, die Hits wie “Meddle” und “New In Town” direkt am Anfang des Sets rauszuhauen. Der Rest des Auftritts verschmolz somit zu einer eher undurchschaubaren Synthie-Masse und plätscherte dahin, während Victoria im Pailettenkleid schüchtern hinter ihrem Keyboard tanzte.
Die spätern elektronischen Klänge wurden eigentlich nur noch von HEALTH überboten, nachdem Fettes Brot dem Publikum noch einmal richtig einheizten. Die Jungs von Fettes Brot waren im vergangenen Jahr bereits der geheime Überraschungsact im Spiegelzelt gewesen und kamen dort erstaunlich gut an. In diesem Jahr spielten sie als offizieller Headliner im großen Stil, getreu dem inoffiziellen Fettes-Brot-auf-dem-Haldern-Motto: “Ihr seid Indie, wir sind in die Fresse!”
HEALTH sind sicherlich nicht jedermanns Bier, vorallem nicht mitten in der Nacht bei kühlen Temperaturen vor dem Spiegelzelt. Diesen Stiefmütterlichen Platz hatten am Vortag schon the Irrepressibles eingenommen; Von drinnen bejubelt und von draußen belächelt. Was auf der Leinwand draußen wie eine abstrakte Riesenspinne aussah, waren in Wirklichkeit nur die Beine des wild über die Bühne springenden Sängers. Zugegeben: HEALTH wirkten ein bisschen wie eine ernst gemeinte Version der Test Icicles, boten aber gekonnt Abwechslung zu dem Indiepop- und Folk-lastigenProgramm des Nachmittages. “Thanks for having us headline this festival!” verkündeten sie am Schluss. Diese Jungs wissen, wo’s langgeht.
Fazit
So traurig manche Bandausfälle waren und so viele Sonnenbrände es auch dieses Jahr wieder gab, uns bleibt auch dieses Mal nichts anderes übrig, als uns für ein wunderschönes Festival zu bedanken zu dem wir jedes Jahr gerne wieder zurückkehren.
Text: Ines Montani & Franziska Reichwein
Fotos: Franziska Reichwein










































Marina schrieb: tolle Fotos und super Bericht. War zwar nicht da, aber kann es mir durchaus gut vorstellen.