Holy Fuck im Interview

Der Name ist Programm. Holy Fuck kommen aus Kanada und machen auf allem Musik, das ihnen gerade in die Hände kommt. Sie verzichten auf Samples, proben live und ihre Konzerte sind stets wilde Parties und gleichzeitig eine große Jam-Session. Wir trafen Graham Walsh, einen der Männer hinter den Keyboards und Reglern, zum Interview.

Ihr hasst wahrscheinlich Fragen über euren Bandnamen, aber er scheint ja die Leute zu beschäftigen. Was war das Verrückteste, das euch wegen eures Namens passiert ist?
Ob du’s glaubst oder nicht, da gibt es gar nicht so viele Geschichten. Es ist schon vorgekommen, dass wir wegen unseres Namens nicht auftreten durften. Die haben uns in letzter Minute aus dem Lineup gestrichen, so von wegen “Was? Die heißen Holy Fuck? Die können hier nicht auftreten!” (lacht) Das war in London. Es existiert so eine Art Hassliebe zwischen uns und dieser Stadt – eigentlich spielen wir immer echt gute Shows dort und die Leute mögen uns. Aber dann sollten wir auf dem Trafalgar Square auftreten, was ja ziemlich groß ist, und der Bürgermeister sah das Lineup und hat uns nicht erlaubt, dort zu spielen. Er stand wohl nicht so auf Schimpfwörter.

Was ist denn dein liebstes Schimpfwort?
Ich kenne eigentlich nur englische Schimpfwörter und eins auf Französisch: “merde”. Oh, und natürlich “scheiße”! Aber mein Lieblingsschimpfwort ist tatsächlich “fuck”. Es ist ein tolles Wort und hat eine große Bandbreite: mal ist es schroff, mal sanft, dann wieder wunderschön und gleichzeitig vulgär.

Fuck ist ein tolles Wort und hat eine große Bandbreite.”

Wie schreibt ihr eure Songs? Ich habe gehört, dass ihr nie probt…
Oh, das klingt vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber es stimmt, wir proben nicht wirklich, so wie es andere Bands tun. Wir sind viel auf Tour und wohnen nicht in derselben Stadt, also haben wir andere Wege gefunden, zu üben. Eigentlich sind wir so viel unterwegs und spielen so viele Konzerte, dass wir mittlerweile gut geübt sind und wissen, wie man die Songs vernünftigt spielt. Neue Songs entwickeln sich einfach so – einer fängt mit einer Idee an und die anderen steuern ihre Ideen dazu bei. Wie bei einer schönen Blume, die wächst und schließlich ihre Blüte öffnet. Es gibt bei uns keinen Songwriter, der den anderen zeigt, wo’s langgeht.

Ihr benutzt manchmal ganz schön ungewöhnliche Instrumente, wie Kinder-Keyboards oder Filmprojektoren. Gibt es irgendwelche anderen Gegenstände, auf denen ihr gerne mal Musik machen würdet?
Oh Mann, eigentlich alles, das coole und interessante Geräusche macht. Da gibt’s eine ganze Menge. Es gibt so ein Computersystem aus einem Friseursalon, das die Haare analysiert und einem sagen kann, ob sie zu trocken oder zu kraus sind. Wenn man das einschaltet, macht es richtig coole Geräusche, Piep-Sounds und verzerrte Effekte. Wir wollten es ganz am Anfang mal benutzen, als wir angefangen haben, mit verschiedenen Sachen zu experimentieren. Aber es wäre viel zu sperrig und unhandlich gewesen, um es mit auf die Bühne zu nehmen.

Auf der Bühne spielt ihr alles live und benutzt so gut wie keine Samples – hat sich das einfach so ergeben oder steckt da ein Prinzip dahinter?
Einerseits ist es natürlich eine Art Konzept, aber wir haben es auch aus der Notwendigkeit heraus gemacht. Wir haben einfach die Dinge und Werkzeuge benutzt, die wir damals zur Verfügung hatten. Wir hatten keine Samplers, Synthesizers und das nötige Computer-Zubehör. Stattdessen haben wir die Keyboards und Lo-Fi-Toys mit auf die Bühne genommen.

“Wir sind definitiv keine schäbige Hippie-Punk-Band!”

Wie ist das auf Tour mit lauter Männern? Seid ihr eine saubere und ordentliche Band?
(überlegt) Das würde ich schon sagen, ja. Wenn man viel reist und unterwegs ist, kann man halt nicht ständig waschen und muss auch mal schmutzige Klamotten anziehen. Aber wir sind definitiv keine schäbige Hippie-Punk-Band. Ich mag’s lieber sauber.

Habt ihr irgendwelche Regeln für den Touralltag aufgestellt?
Nicht wirklich. Wir verstehen uns gut und es klappt auch so, deshalb brauchen wir so etwas nicht. Aber ich kenne andere Bands, die das machen. Eine befreundete Band hat die Regel “Kein Essen auf der Bühne” und ich dachte mir nur – kein Essen auf der Bühne? Wann um alles in der Welt isst man auf der Bühne? (lacht) Aber ansonsten… was gibt es denn noch so für Regeln?

“Keine Mädels im Tourbus.”
Wir sind alle verheiratet oder haben Freundinnen, deshalb ist diese Regel irgendwie hinfällig. Aber es stimmt, das ist irgendwie so ein ungeschriebenes Gesetz. Wir verstehen uns aber wirklich gut, jeder hat seine eigene Persönlichkeit und wir kommen gut miteinander klar. Deshalb müssen wir auch keine Regeln aufstellen.

“Auf Tour ist man gefangen in einer Art Seifenblase.”

Was sind deine Lieblingsorte, an denen ihr mal gespielt habt?
Zu viele. Ich mag die Westküste Amerikas sehr gern, Kalifornien ist sehr schön. Die kanadische Ostküste auch. In Europa haben wir einmal in Norwegen gespielt und das war echt großartig. Brighton ist auch schön. Da gibt’s echt viel. Und man kann das schwer sagen, denn manchmal hängt es vom Tag ab und davon, ob man Zeit hat, die Stadt zu erkunden. Auch wenn die Stadt an sich scheiße ist, ist es vielleicht ein sonniger Tag, wir sind in einem Park und haben die schönste Zeit der ganzen Tour. Oder auch umgekehrt: Als ich zum ersten Mal in Paris war, habe ich absolut nichts von der Stadt gesehen. Ich war nicht am Eiffelturm, sondern nur in einem schäbigen Club mit einer beschissenen Bar, im Van und im Hotelzimmer. Auf Tour ist man gefangen in einer Art Seifenblase. Wenn man viel Glück hat, sieht man was von den Städten, in denen man spielt. Aber eigentlich auch nicht so wirklich.

Hast du einen Lieblings-Livemoment?
Oh ja, sicher! Wir haben beim Primavera Sound Festival in Spanien gespielt und standen gegen 5 Uhr morgens auf der großen Festivalbühne. Die Sonne ging langsam auf und während des letzten Songs gab es eine Stage Invasion. Am Ende waren es zwischen 100 und 150 Menschen auf der Bühne. Wir konnten nicht mehr wirklich spielen und unsere Musik wurde zu Krach. Das war einer der tollsten Momente – man kann sich das Ganze sogar auf YouTube angucken!

Medium: www.youtube.com

Wo würdest du gerne mal auftreten?
Wir haben in den letzten drei Jahren echt an vielen Orten gespielt, aber Japan fehlt noch! Da würde ich echt gern mal hin, die Kultur ist komplett anders und es ist fast wie eine andere Welt. Ich glaube, die Leute würden unsere Musik auch mögen. Ich habe gehört, die Musik von Leftfield kommt dort sehr gut an und es gibt ja auch eine große japanische Noise-Szene.

Wenn du nicht Musiker geworden wärst, was würdest du dann heute machen?
Hmmm… ich weiß nicht. Bevor ich mit der Band angefangen habe, habe ich Grafikdesign gemacht und hatte einen Grafikdesign-Job. Es ist schwer zu sagen, denn seit ich ein kleiner Junge war, habe ich mich stets für Musik interessiert und Musik gemacht. Aber ich glaube, wäre ich nicht Musiker geworden, wäre ich noch immer Grafikdesigner. Ich habe auch schon Sachen für die Band designt, hier und da mal ein Konzertplakat und eins unserer T-Shirts. Das meiste hat aber mein Freund James gemacht, er ist Künstler und besser als ich. (lacht)

Nun zur letzten Frage: Gegen was würdest du gern mal eine Demonstration starten?
Ich würde ja gerne etwas Tolles und Lustiges antworten, aber mir fällt nichts ein. Eine Sache, von der Kanada definitiv mehr braucht, sind Leute auf Fahrrädern! Wenn man nach Europa kommt, sieht man hier so viele Menschen mit Fahrrädern. So wie in Holland! Das ist großartig!

Vielen Dank für das Interview!

Ein paar Live-Impressionen vom Konzert in Köln im Gebäude 9 am 25. April 2009:

Text: Ines Montani
Foto: James Mejia
Videos: YouTube.com: gypsyqueen22 / Franziska Reichwein



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