Jeremy Warmsley im Interview
Er hat zwar weder Schirm noch Melone, besticht aber dafür mit umwerfendem Charme und eingängig schönen Melodien. Die Rede ist vom britischen halb Franzosen Jeremy Warmsley, der sich auf seiner aktuellen Deutschland Tournee gekonnt in die Herzen der Konzertbesucher spielt. Mit einer Obstschale in der linken und dem Handy in der Rechten trafen wir ihn nach seinem Konzert vor dem Kölner Tsunami Club.
Wo liegt für dich der Unterschied zwischen einer Tour mit Band und alleine?
Alleine zu spielen ist schwerer, besonders bei einem Konzert wie heute Abend, wo alle Party machen wollen. Als Band können wir rocken, aber versuch mal nur mit einer Gitarre und deiner Stimme bewaffnet die Leute zum feiern zu bringen. Außerdem ist man auf Tour mit der Band weniger allein, du fährst zusammen rum und hast immer jemanden zum reden. Aber natürlich es hat auch seine Vorteile alleine unterwegs zu sein, denn du kannst tun was immer du willst und triffst einfach mehr Leute. Mit der Band sitzt du beim Essen, hängst den Tag über mit ihnen rum usw. Auch triffst du z.B. weniger „echte Deutsche“. Als ich beispielsweise ohne Band in Japan getourt bin, habe ich all diese super netten Japaner getroffen und ich hatte eine tolle Zeit. Hingegen sind wir jetzt seit drei Tagen in Deutschland und haben so gut wie noch niemanden kennen gelernt.
Wo siehst du denn den Unterschied zwischen Konzerten in England und Deutschland?
Ich habe erst 3 Konzerte in Deutschland gespielt und ungefähr 500 in England. Das heißt: Keine Ahnung! Der größte Unterschied liegt wahrscheinlich darin, dass die Deutschen noch aufgeregt sind mich zu sehen und meine Songs zu hören…
Also glaubst du die Engländer freuen sich weniger auf deine Konzerte?
Das nicht, aber sie haben mich schon so oft spielen gesehen, dass es ist als würde man einen alten Freund treffen. Von wegen: „Hey, du schon wieder. Alles klar? Was macht die Oma?“. Und sein wir ehrlich: Niemand ist wirklich aufgeregt einen alten Freund wiederzutreffen. Was ich erstaunlich finde ist, dass ich jetzt in München, Nürnberg und… wo sind wir heute noch mal? Köln! (lacht) Tut mir leid, Köln gespielt habe und es hätten drei verschiedene Länder sein können, echt. Die Nürnberger waren mucksmäuschenstill während des gesamten Konzertes – niemand hat einen Ton von sich gegeben und wenn ihnen die Show gefallen hat, haben sie es nicht gezeigt. Nach dem Konzert kamen dann ein paar Leute zu mir und erzählten wie gut sie das Konzert fanden und entschuldigten sich gleichzeitig für das Nürnberger Publikum! Verrückt! Versteh mich nicht falsch: der Ort war toll und die Leute die ich getroffen habe waren großartig – das Publikum eigentlich auch. Es ist ja keine schlechte Sache vor einem etwas stilleren Publikum zu spielen, aber ihre langsame Art zu reagieren und die Stille hat mich doch ein wenig verunsichert. Die Münchner hingegen waren sehr freundlich und anerkennend, eine sehr Englische Konzertatmosphäre. Und heute wollten alle feiern und Spaß haben.
“Man kann Musik doch niemandem aufzwingen!”
Also ziehst du es in Erwägung bald zurück zu kommen?
Ich kann es gar nicht mehr Erwarten noch mal nach Deutschland zu kommen. Sofern man mich hier mag natürlich! Nächstes Mal komme ich dann vielleicht sogar ohne Band, so dass ich die Chance kriege noch mehr freundliche Deutsche kennen zu lernen. Ich bin schon sehr gespannt auf Münster, Leipzig und Berlin. Und auf dem Rückweg spiele ich eine Party in Paris.
Deine Mutter ist Französin, verbringst du viel Zeit in Frankreich bzw. Paris? Wenn ja, wo verbringst du am liebsten Zeit?
Ja, ich bin oftmals in Paris unterwegs, es ist eine tolle Stadt. Am liebsten sitze ich auf einer Brücke bei Sonnenuntergang, die Aussicht ist atemberaubend.
Warst du jemals bei Sacre Coeur?
Ja! Und zwar, das ist jetzt eine exklusive Information, wird mein drittes Album, welches ich momentan schreibe, sogar mit einem Sample einer singenden Nonne in Sacre Coeur beginnen.
Wo schreibst du am liebsten Songs? Was inspiriert dich?
In meinem winzigen Zimmer, umgebenen von meiner Gitarre, dem Klavier, dem Keyboard… Der andere Platz an dem ich schreibe ist die U-Bahn. Es ist sehr interessant die Menschen zu beobachten und sich alles aufzuschreiben was einem einfällt. Manchmal fallen mir sogar die Melodien in der Bahn ein.
Wo hälst du diese Gedanken fest?
Ehrlich gesagt speichere ich sie in meinem Handy (lacht) – Ich hab eine SMS mit allen Wörtern und Ideen die ich ständig erweitere. Manche schreiben auf Schreibmaschinen, andere in Moleskine Bücher und ich schreibe auf meinem Computer. Ich war mein ganzes Leben lang mit Technologie umgeben und kann mir gar nicht vorstellen Musik ohne sie zu machen.
Für wen schreibst du deine Lieder?
Ich schreibe meine Lieder für niemanden – Nicht einmal für mich selbst. Ich glaube auch nicht, dass ich jemals ein Lied an jemanden adressiert habe. Manche Menschen schreiben über eine bestimmte Situation. Es ist ihr Leben, es ist real und so weiter. In meinen Liedern sage ich oft „du“, „du tust dies“, „du tust das“. Wenn ich anfange ein Lied zu schreiben, habe ich oftmals eine bestimmte Person im Kopf, aber am Ende des Liedes hat sich diese Person in einen Charakter verwandelt. Ich bin in den Gedanken eines anderen – obwohl inspiriert von meinem eigenen Leben – und schreibe über ihn oder sie. Ehrlich gesagt bin ich mir ziemlich sicher, dass die meisten Songwriter das so machen. Man macht es durch diesen Prozess interessanter. Wäre es nur über mich wäre es ziemlich langweilig (lacht).
Wenn du dir jemanden aussuchen könntest, der deine Musik hören soll, wen würdest du wählen? Du darfst auch zwei nennen.
(Nach einer langen Pause) Keine Ahnung. Ich weiß es wirklich nicht… vielleicht ein nettes Kind. Und vielleicht eine nette ältere Person. Weißt du, manchmal spielst du ein Konzert mit einer Band und du drückst ihnen eine CD in die Hand und es ist cool, wenn sie es hören und mögen. Ich habe David Byrne mal eine CD geschickt… Aber eigentlich will ich gar nicht, dass er sie anhört… (lacht) Das klingt wahrscheinlich total bescheuert, aber ich will, dass er die Musik entdeckt. Dass er sie für sich selbst entdeckt und dann hört. Man kann Musik doch niemandem aufzwingen!
“Ich hätte wahnsinnig gerne einen Bart.”
Wem würdest du gerne mal einen guten Rat geben?
Mir selbst… Und… ich denke wir haben alle gewisse Personen in unserem Leben denen wir gerne mal die Meinung sagen würden. Wahrscheinlich willst du hören, dass ich Amy Winehouse raten würde weniger Drogen zu nehmen: Aber so ist es nun mal nicht. Also noch mal: Wenn ich irgendjemandem einen Rat geben könnte, würde ich einem Freund von mir sagen, dass er aufhören soll sich wie ein Idiot aufzuführen. Und Leuten die viele Drogen nehmen, ich denke das ist eine Schande, sie sollten aufhören so viele Drogen zu nehmen. Oder Rassisten, die sollten aufhören Rassisten zu sein. Oder eben Leute die sich benehmen wie Idioten… Diese ganze Sache ist wirklich nicht einfach.
Was würdest du als deinen kostbarsten/größten/kleinsten Besitz bezeichnen?
Das größte ist mein Klavier, das kostbarste meine gute Gesundheit und das kleinste… diese Traube hier? (lacht) Die ist ziemlich klein, findest du nicht?
Ich hab schon kleinere gesehen…
Na gut, dann nehme ich die Bakterien in meinem Bauch. (lacht) Oder die weißen Blutkörperchen.
Mit wem würdest du dich musikalisch vergleichen?
Mit niemandem. Andere tun es schon genug. Kritiker, Journalisten – und es ist OK wenn sie das tun. Aber Ich versuche nicht absichtlich jemanden zu kopieren. Genauso wenig will ich aber absichtlich das Gegenteil von dem tun was andere machen – Ich hasse es wenn man das tut. Für mich ist es einfach die Art der Musik die ich machen will und genau so soll es auch rüberkommen. Würde ich versuchen von meiner Musik zurückzutreten und sie objektiv zu betrachten, würde ich gleichzeitig meinen persönlichen Draht zu ihr verlieren.
Wer ist die schlimmste Person mit der du jemals verglichen wurdest?
Mir wurde gesagt, dass ich wie eine Reggae-Version von Lily Allen klinge. Ich meine: Bitte? Das war bei einem Konzert… Wirklich komisch.
Die beste Frage die dir jemals gestellt wurde und deine Antwort?
Ich weiß nicht… Ich bereite mich nicht auf meine Interviews vor. Ich haue nicht ein Zitat nach dem anderen raus, wie es andere tun. z.B.: „Meine Musik ist wie Feuer in der Wüste, die Gebäude, die Autos, das Leben in unserem Herzen“. (lacht) Das bin einfach nicht ich.
Wer ist dein Lieblingskünstler?
Momanten wahrscheinlich David Byrne. Ich hab ihn vor zwei Wochen in London spielen sehen und es war irre! Außerdem: Tom Waits. Unglaublich! Er hat in seiner gesamten Karriere noch nie etwas Schlechtes gemacht, alles was er tut ist der Hammer.
Und zu guter letzt: Gegen was würdest du gerne mal eine große Demonstration starten?
Das ist schwer, ich bin keine besonders politische Person – ich fühle mich wie viele Junge Leute. Ich weiß nicht genug über die aktuellen Fragen um eine kluge und begründete Entscheidung treffen zu können. Außerdem bin ich, wie die meisten Musiker, eher poetisch veranlagt. Gefühlsmäßig bin ich der politischen Linken zugetan: anti-kapitalistisch, frei und so weiter. Trotzdem, logisch gesehen weiß ich nichts über die Faktoren. Es ist als müsste ich jetzt aus dem Stehgreif über eine Wissenschaftliche Frage entscheiden. Ich denke, dass ich mich viel mehr informieren, müsste bevor ich gegen irgendetwas Demonstriere.
Und wenn es alles sein könnte und sich nicht auf die Politik beschränkt?
In dem Fall will ich dagegen demonstrieren, dass es mir nicht vergönnt sein soll, mir einen Bart wachsen zu lassen. Ich hätte so wahnsinnig gerne einen Bart. (lacht) Das ist auch der Grund warum ich oft Bärte auf meine CDS male.
Wie wäre es, wenn du dir einen anklebst?
Ja, sicherlich. (lacht) Ich könnte meine Achseln rasieren und die Haare dann um meinen Mund positionieren. Nett.
Klingt nach einer tollen Idee. Auf alle Fälle vielen vielen Dank für das nette Interview, Jeremy!
Text: Franziska Reichwein
Video: Franziska Reichwein

















XY schrieb: Ich könnte meine Achseln rasieren und die Haare dann um meinen Mund positionieren. Nett. Haha, oh mein Gott.